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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 39
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Traumgesicht

Ich hatte wirr ein Traumgesicht, am Fenster, in der letzten Nacht, denn Mondlicht und die Sehnsucht reden irr.
Die Sterne, wie die Fetzen von silbernem Papier, und wolkige Gespenster, die wollten sich auf alle Dächer setzen.
Vom mächtigen Nil her zogen weiße Pelikane, wie Säbel bogen sie die mächtigen Flügel,
Als wollten sie im eigenen Eingeweide der Säbel Schneide wetzen.
Und ich, gleich ihnen, schlug in meinem Leide, in Liebeswut, die Fäuste beide in mein Blut.
Im Wahne sah ich dann die Wüste, die dahergeflogen, knatternd und flatternd wie nur brennend eine Fahne.
Die Wüste kam ins Zimmer mir gesprungen, und dörrend fielen Wände und Gerüste zu Staub
Und sprachen wie mit feurigen Zungen, erhellt wie goldenes Laub.
Die Welt schien mir vor Raub und Brand nicht mehr zu retten.
Da reckten sich am Nil die Toten hoch, aus ihren sandigen Betten, und streckten Hand in Hand und standen auf aus allen Gräberstätten.
In Scharen waren sie wie Regen, der in ein Feuer wild gefahren.
Sie kamen aus den Dielen jedes Hauses, und andere wie aus den Wolken fielen.
Und war ein Fegen und ein Dampf von allen, die da morsch gelegen,
Ein wütendes Gestampf, als ob die Donner mit den Bergen spielen.
Sie nehmen mir die Luft fort mit den Zungen, die lange schon verdorrt, und jedes Sandkorn hat gesungen.
Von allen, die da kamen, trat einer dann in aller Namen vor und sprach das Wort, –
Die Maske mit der goldnen Wange, die alle Mumien in den Gräbern tragen, warf er empor im Überschwange und sprach mit Wucht:
»Die Toten kommen dir entgegen auf deinem Gange. Du, freue dich, denn Sehnsucht kann die Gräber wild bewegen;
Die Liebe schlägt den Tod in Flucht.
Wie aus Eisstarre Tropfen tauen, riß dein Herzklopfen die toten Männer und die Frauen fort.«
Er sprach dies Wort. Und unterm matten Totentuch sah ich sein warmes Blut, wie einen roten Schatten, sich erregen.
Es kam und ging mit meines Herzens Schlägen.

 

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