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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 337
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Im Garten der Götter

Noch am Abend rollten mich Eisenbahnräder weiter ins Land, nach Kolorado Springs, wo der rote »Göttergarten« am Fuße des schneeweißen Pikes Peak stand.
In der Nacht in dem Badehotel ich kaum einschlief, denn tief die Begierde nach dem »Garten der Götter« mich immer neu wachrief.
Eine große Welt von Reisenden schon frühmorgens um die heißen Quellen des Badeortes lief, und Hallen waren über die Brunnen gestellt, und breites Bergwasser rauschend durch das Städtlein rief,
Kälte und Wärme fortwährend tauschend. Vom hohen blauklüftigen Pikes Peak und seinen Wälderschwärmen kam, sich aufbauschend, ein Luftstrom,
Der sich an Granit und Äthereis stählte. Kein Eisenlärmen quälte hier die Birken und Rasen, sie ließen ihr Grün sanft wirken, und die würzigen Tannen am Pikes Peak-Abhang in Massen,
Als Ureinwohner angestammt, festsaßen. Urweltlich eingerammt, ragt aus weißem und rotem wilden Gestein der Göttergarten auf einer grüngelben Ginstersteppe,
Zu Füßen des weißen Pikes Peak und seiner dunkelblauen Vorhügeltreppe. Ich kutschierte mit leichtem Gespann durch den Morgensonnenschein
Auf breitem Weg in den Göttergarten hinein. Zuerst sanft bergan, dann hinab zu dem Steppentale, das gleicht einem rot und gelben Festsaale.
Wie Kathedrale bei Kathedrale bauen sich mitten im Ginsterfeld die gotischen Felsengerippe, die sich gleich Speerbündeln zu Spitzbergen senkrecht anstauen,
Und die aus dem grünen und gelben Ginstergewimmel, wie beleuchtet von angewachsenem, ewigem Morgenrot, in den feuerblauen Frühhimmel schauen.
Dies rote Felsgestein büßt nie sein Feuer ein. Wie Menschenfarbe rosig rot, steht es mit Rissen und Narbe. Wie große feuerrote Puppen stehen einzelne Gesteine in die Luftleere
Und bilden Riesengöttergruppen. Vor ihnen warfen sich die roten Indianer einst nieder und beteten vor den roten Felsengestalten
Und haben sie für ihre rothäutigen Riesenherren gehalten. In den gelben Ginstergefilden stehen hier, höher als die europäischen Dome, diese roten natürlichen Felsenkirchen der Wilden,
Die sich ohne Menschenhände aus den feuerroten Rippen der Erde bilden. Aber diese roten Spitztempel lassen keinen in ihr Inneres treten.
Alle Andächtigen müssen draußen bei sich selber beten. Zwei Kathedralen erscheinen als Tor zum Göttergarten, und ein kleiner Fels als Pförtner liegt davor.
Zwischen dieser beiden Kirchen scharlachrotem Gestein, fort über die gelben Ginsterwiesen, vorbei an schneeweißen Kalkhügeln, trittst du in den Göttergarten ein.
Und als einzige große, weiße Lotosblume in dieser roten, grünen und gelben, versteinerten Gartenwelt empfängt dich im Hintergrund der schaumige, mächtige, eishelle Pikes Peak,
Der seinen Schneekelch in den Äther hält. Die Weite der Steppe, die Nähe des Schneeberges, die tannenbesteckte grüne Vorgebirgstreppe,
Die gelben Ginsterbüsche, wie geputztes Messing rund um die roten Steingerippe im Ring, – nichts dringt hier kleinlich auf dich ein,
Alles läßt dich in Freiheit bei den roten Steinriesen allein. Du darfst bei den Götterriesen ein Gott hier sein im verklärenden Morgenschein, nur auf dein Herz angewiesen.

 

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