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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 335
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Stadt Denver

An einem Morgen von der Stadt Denver das schwarze Bahnhofsfeld auftauchte, mit seinen hageren Schornsteinen, seinen Lokomotivenremisen,
Seinen Kohlenlagern, gleich einem Kohlenriesen, der aus Nase und Mund zugleich rauchte. Hunderte Schlote bliesen die Sonne schwarz an in der frühesten Morgenstund'.
Erschreckendes Gehämmer und Gedröhne, schwingendes Eisen- und Stahlgestöhne tobte dort auf dem Erdrund.
In der heißen Junisonne brannten den Schienengeleisen die Stahlsehnen. Die Riesenretorten der Gasfabriken und Eisendächer schicken Blitze, gleich Brenngläsern, nach allen Orten.
Die Luft muß sich von diesen eisernen Sonnen überhitzen, der frühe Morgen verdorren im Ruß, und alle Waggons des Zuges müssen Ölfarbe schwitzen.
Als fliegen die Eisenzüge den Hitzen nach, jagen sie hin und her, kreuz und quer mit den fliegenden Wagenkästen, die voll Menschen angestaut sitzen.
Menschen, die unter der Kohle verstauben, und die sich frei glauben und doch nichts als Futter sind, um die Riesenstädte zu mästen.
Jeder ist, wie eine Schraubenmutter, genietet an eine der Riesenmaschinen, an die Kraftmaschinen des Handels, an die Maschinen der Kriegskunst oder an die Maschinen der Wissenschaft,
Denen sie ihr Leben lang dienen. Und nicht dem Menschen ist hier Freiheit gegeben; die Ungeheuer der Maschinenwelt sind wie Menschenfresser hingestellt,
Und jede brausende Maschine, gleich den Eisenmolochen, Tausende Menschenleben in den Zähnen hält. Ich sah diesen Stahlriesen der Lokomotiven nach,
Die sich, wie toll, in Freiheit dehnen. Sie stampfen die Morgensonne wie billiges Stanniol blaß und breit, und ihre Dämpfe wallen. Und ich sah Kohlenberge und Kohlenabgründe gähnen,
Schwarze Fabrikhallen voll Eisenwaren, und hörte Eisenräder schallen. Und ich sah auf zu den Eisenkrähnen, die die Warenballen in die Luft krallen.
Die Dampfsirene pfeift, die zur Arbeit ruft wie ein Sklavenhalter, der zur sausenden Nilpferdpeitsche greift. Und die Sonnenstrahlen brannten um die schwarze Riesengebärde dieser Bahnhofgiganten,
Als ob auch sie vor Arbeitshitze keine Ruhe kannten. Ich trat in die Stadt, welche die Häuser und Straßen stattlich und glatt und hoch hat,
Als war jedes Haus ein Kassenschrank, darin die Dollars die Menschen fraßen. Müde, matt und krank machten mich Steinquadrat um Quadrat,
Straßenblock um Block, Stockwerk über Stock, daß meine Gedanken lieber zurück an die roten Abgründe am Weltende dachten.
Denn nur die Todesstunde allein machte hier frei und frank. Jeder Mensch aber war hier sein Leben lang der Sklave von jedem Straßenstein.
Ein Riesenhotel schluckte mich ein. Siebzehn Stock hoch war die Halle vom Treppenhaus, war wie ein Börsensaal, denn die Geschäftsleute feilschten drinnen in Unzahl
Und liefen hinein und hinaus. Am Nachmittag, als ich mich durch die Straßen schlug, traf ich einen Zirkusumzug.
Mit Schneckenketten geschmückte Indier auf Kamelen und Elefanten saßen; Chinesen und Japaner, die leise auftreten; Zebras und Giraffen.
Die Stadtleute kamen zu gaffen. Mir schien, als wäre der Zirkus, mit roten und gelben Lappen, mit Gold- und Silberüberfluß, mit Kronen aus Silberpapier und Pappen,
Ein Ausschuß, aufgelesen aus meinem Reisegehirn, gewesen, als hätte das gefüllte Zirkuszelt hinter meiner Stirn gelebt als Gedankenwelt.
Und mir wurden meine asiatischen Bilder hier auf das amerikanische Asphaltpflaster hingestellt, als wenn einer der Riesen sie mir zum Vergleich hinhält und sagt:
»Was will denn die kindische Buntheit und das Lappenspiel gegen den Eisenernst, den du hier lernst. Die Farben sind ein Zuviel in der Welt,
Wenn der Dollar zum täglichen Brot uns fehlt.« Aber mein Auge wendet sich ab, gequält von dem Geschäftsriesen, der mir seine Weisheit hinhält.
Und mein Auge fällt in ein Schaufenster, da sitzen, wie des Landes freundlichste Gespenster, Holzkrüge, welche die Indianer schnitzen, Korbgeflechte und Teppiche, schön geschmückt,
Gearbeitet von Indianern in Not und auch um tägliches Brot, aber von Bescheidenheit, Traulichkeit, Frieden, Freundlichkeit und Farben beglückt.
Rot und grün, gelb und blau, sind Linien aufgedrückt, welche in Bildern die Pflanzen und Tiere und Menschen schildern. Und ich sage als Zwerg dem Straßenriesen:
»Amerikanische Städte sind aus Sorgen ein Riesenberg, wo die Geschäftsriesen von jeher jedem Herzschrei einen Dollarbeutel als Knebel in den Mund stießen.« –
Am nächsten Tag traf ich den Sonntag wieder, den ich viele Monate vergessen in den fernen, friedlichen asiatischen Ländern, wo nie ein Sonntag gewesen.
Abgemessen und totstill war die Denver-Stadt, als lagen plötzlich Stein, Eisen und Dampf in einem vierundzwanzigstündigem Starrkrampf.
Ich trat in eine Kirche ein und wußte kaum: wer war im Raum der Mann dort an dem Kreuz, der, von Wunden gräßlich entstellt, die Augen aller entgeistert
Zu seiner quälenden Richtstätte hin wachhält? – Statt eines sanften, goldenen Buddha auf einem Lotosthron sah ich unter einer Dornenkron' den ohnmächtigen Gottessohn.
Und ich hörte Choräle und Orgelton, wie Dinge aus einer Sagenzeit, als wär das Christentum ein veraltet Lied hinter sieben Meeren der Vergessenheit.
Und ich verlasse gleich einem Heiden das Kirchenhaus, denn ich fühlte: Kein Gott reißt dem Verliebten die Liebesnot aus.
Denn die Geliebte allein ist Herrscher über Leben und Tod. Die Geliebte allein mir Frieden gibt. Was weiß denn von Frieden Gottes Sohn! Er hat ja nie ein Weib geliebt.
Und durch die Spalte der Kirchentür meine Sehnsucht, die süße und alte, mir meine Füße wieder froh zur Straße hinschiebt.

 

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