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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 327
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Rothäute in der Texaswüste

Zwei Tage fort, immer nach Osten, schoß weiterrasend hin der Pullmanwagen durch Arizona, wo von einstigen Riesenwäldern, die verschwunden, groß, wie versteinte Puppen,
Bloß noch die runden, kalkigen Stämme, in Massengruppen grau, gleich steinigen Bergen stunden. Als würden auch die Tage und die Wochen in diesen Länderstrecken still zu Stein,
Lag, wie ein abgenagter bleicher Knochen, das Land im Schrecken einer Sonne, die selber steinern über brachen Steinen und salzigen Laken stand.
Und wieder hat das Chaos unter Sonnenkochen mit mir gerungen. Steinleere rief mit Geisterzungen aus Bergen, schädelkahlen, aus den baumlosen Talen,
Die haben wie zerbrochen unter Qualen, durstig und lebenslechzend, im Lärm des Zuges laut mit mir gesprochen. In öd' verlassenen und winzigen Stationen liefen mit Quieken und Geschrei,
Aus erdigen, staubigen Hütten Matronen der Indianer an den Zug. Und jede Rothaut trug ein Häuflein bunten Glanz aus schlichten Glasperlketten feilbietend zu dem Bahngeleis herbei.
Und dieser feiste Schwarm von alten Rothautweibern bringt, bis die Wagenkette wieder weiterreiste, dem Schnellzug einen heftigen Freudentanz.
Die Weiber, die hier hüpfen, tragen nur rot und gelbe Taschentücher vier als Kleid, das sie sich um die Schultern knüpfen.
Am dicken Kopf der schwarze Zottelbausch von bläulichschwarzem Haar tanzt mit bei ihrem Freudenrausch. Und in dem Steinmeer, im verwunschenen Chaos-Lande
Tanzten die roten Weiber als einzige Freudengeister im Wüstensande hier umher. Die weiße Rasse lebte rings vom Reisen, und nur die weisen, stillen, roten Leute,
Um deren Nähe schwebte noch von einer toten Landesseele der letzte Funken heute, der sich auch an geringster Wüstenscholle, zwecklos und göttlich, bloß am Dasein freute.
Sie sind in diesem weiten Kontinent die einzigen Künstler hier, die dieses Land noch kennt. Sie bringen schönbemalte Krüge, Flechtwerk und Teppiche an die Station.
Und schlagen in den Wüsten bunte Märkte auf für alle Fremdenzüge. Aus bunten Wollenfäden sie in die Tuche Linien weben, die, gleich den Uranfängen, ein eckig Tier- und Pflanzenreich dir geben.
Sie sind die einzigen Menschen hier im ganzen Land, die nicht gewandt dem Gold allein nachtanzen,
Die noch des Lebens Farben, Formen und Figuren, in seinen bunten Spuren, gern auf die Alltagsdinge stanzen.
Die Rothautweiber lachen mit breitem Mund noch hinterm Schnellzug her und blasen aus der Pfeife blaue Ringe.
Und leer liegt rund die Wüste, wie eine große graue Schlinge dem, der vorüberreist, –
Nur nicht dem Rothautweib. Das setzt sich glücklich still hin in den Staub zu seinem Mann,
Dem es die Kupfermünze, die aus dem Schnellzug fiel, jetzt weist.
Und beide sehn sich schmunzelnd an, und beide zeigen dann,
Daß man zu zwei'n sein Glück auch in der Wüste finden kann.

 

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