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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 326
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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In der Texaswüste

Ich floh mit nächstem Zuge schon vor diesen lauten weißen Engelscharen entsetzt nach Osten hin, bis meine Augen wieder in grauen Wüsten einsam waren.
Zu lang' hatt' ich im Geist mich stets am fernen Bild der Liebsten nur ergetzt, jetzt hat ein großer Schrecken mich gehetzt:
Vielleicht kommt nie mehr heim mit mir jetzt mein Verstand; vielleicht hab' ich vertauscht im Reisen um die Erde meinen Leib
Durch alles, was ich sah, und alles, was ich still belauscht! Vielleicht ist dieser Sehnsuchtsdruck nach meiner Liebsten nur ein Spuk
Und ist verflogen, komm' ich heimgezogen über das siebente von allen Meeren? – Ach, ein Gigant, ein neuer, lief jetzt nebenher:
Der Zweifel hat mir alle Knochen in meinem Leib verbogen. Des Zweifels Feuer konnte ich nicht wehren; der Zweifel lächelnd mir Gedankenungeheuer gab.
Er sprach: »Vielleicht gräbst du jetzt besser mit einem schnellen Spaten dir ein Grab und legst die Sehnsucht dort hinab,
Nachdem du sie getötet wie ein Karnickel mit dem Taschenmesser; und leg dazu auch deinen Wanderstab.« –
»Reise nicht erst nach Haus,« sprach laut der Riese Zweifel, »bleib hier und laufe meinem allbekannten Riesenbruder nach, dem Dollar, dem Giganten,
Der macht dich riesenstark und nicht, wie Liebe, mäuseschwach; den Dollar nimm dir zum Verwandten.
Die Liebe kann dich weich, der Dollar golden betten; sag Lebewohl der Lieb', der überspannten, und bleibe hier im Dollarreich!« –
Der Riese Zweifel mir zu Leibe rückte und schrie, er wolle mich erretten, indes er wütend mir das Herz zerdrückte.
Und bleich saß ich und halb zerschlagen im Rauchsalon vom Pullmanwagen und ließ die Meilen grau vorüberjagen.
Ich sah die Männer ihren Gummi kauen und gelb, wie mit der Farbe längst gestorbener Leute, gleichgültig mit erworbener Kälte um sich schauen,
Eiswasser zu der Mahlzeit schnell sich durch die Zähne spülen und, immer ohne Zeit, in riesigen Tagesblättern wühlen. Ich sah den größten der Giganten,
Die Lettern der Reklame, hoch über Bretterflächen, wie Hexenformeln einer Ware Name vieltausendmal zu Ohr und Auge sprechen.
Da war manch Wort zu sehen wie ein Fresser, das hielt dir die Pistole vor die Stirn und schrie dir in dein Hirn, daß dir's nach Stunden gellt:
»Die Schmitts Rasiermesser sind besser als alle die Rasiermesser der Welt.« Und mitten auf der Reise in den öden
Tauchen die Riesenlettern auf, wie um die ganze Landschaft zu verblöden, haben nicht Gnade Tag und Nacht. Du wirst von den Giganten der Reklame,
Gleichwie von räuberischen Blendlaternen, bis auf die Haut und in des Blutes Kernen angeschaut. Und hinter ihnen steht die Dollargier,
Der größte der Giganten hier, der Kaiser aller Mienen. Nur eine Frage in dem Zuge die Männer im Vereine schert:
Wie viele Dollar ist der Mann auf seinem Sitzplatz neben ihnen wert? –
Vergnügt sah ich die dürre Texaswüste an; im Morgen lag sie beinah ohne Sorgen. Sie lag versteinert zärtlich fast, ohne verwegene Reklamen
Und ohne Goldbegierde, wie eine Zierde in dem Himmelsrahmen. Sie trug nicht Riesenlettern und nicht Hast und nicht Gewerbenamen.
Sie war ein ebenes versteinert Buch. Ein Segen schien mir ihrer Dürre Fluch und ihrer Steine Last.
Und Wüste draußen, Wüste drinnen in meiner zweifelsregen Brust haben sich unbewußt, wie gute Freunde und mit Schnelle, einander angepaßt.
Doch auch die Wüste saß nicht lange still an gleicher Stelle; in ihrer Morgenhelle erschienen der Boraxlager ausgegrabene Gefälle.
Und dürftige Arbeitsleute, in dürftiger Arbeitszelle, kamen mit fahlen Mienen und verschwanden. Denn auch die Wüste heute, sah ich ein, war schon der Goldgier breite Beute.
Und überall des Dollars goldne Füße standen, die auch zu den entlegenen Salzen dieser entlegensten der Wüstenei'n hinfanden.
Über dem heißen, bratenden Gestein erschienen fern des Berges Bernhardino schneeige, kühle Flanken und sahen in die hitzige Wüste wie eine stete Pein für die verschmachtenden Gelüste.
Der Berg war wie die weiße Büste von einem Weib, das einer stets im Herzen trug, und das doch unerreichbar seinem Leib.
Wohl gab es Eiswasser im Zug, doch mehr noch als der Riese Durst mein einsam Herz als Riese nach mir schlug.

 

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