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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 320
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Ein Passagier

Neun Tage bald das Schiff im Meer hinlief, und alle Welt erschien sich alt, wie eine Festgesellschaft, die im selben Saal, immer dasselbe leiernd,
Neun Tage feiernd sich auf einem Fleck aufhält. Zwischen zwei Pfosten auf dem Hinterdeck hing dick ein Riesenlederball. Damit der Männer Kräfte nicht verrosten,
Übten sich Aller Muskeln mit Geschick. Du hörtest immer Knall um Knall klatschend von weitem schon den Lederball.
Der Fäuste Ungeduld, besonders wenn sich mal der Himmel trübte, das Boxen heftiger und trotzig übte. Der Rauchsaal war von scharfen Spielern voll,
Die Tag und Nacht die Karten faustdick warfen und sich in ihre Leidenschaft kopflos vernarrten, da keine Tage mit der Zeit hier sparten.
Die Zeit, die wog sich nicht bedächtig mehr auf einer Wage, ging schrankenlos und nicht an Mond und Sonne angebunden hier umher. –
Bei mir saß oft im Mondschein noch um zwei Uhr nachts, wenn die Matrosen schon das Deck gewaschen, die Hände in den Taschen, ein Passagier.
Der redete, wie lange Bücher, aus seinem Leben dicke Bände und tat sich mir vertrauen. Sein Herz ging ihm, wie ohne Sinn, im Zwiestreit zwischen zwei geliebten Frauen.
Er kam von China; denn um diesem Grauen der Doppelliebe zu entfliehn, tat er fort aus Amerika zwei Jahr nach Asien ziehn.
Er ließ zurück die beiden Frauen an dem gleichen Ort. Und jede war ein Stück von seinem Lebensglück. Und beide, ohne ihm, dem Fliehenden, im Herzen zu mißtrauen,
Schauen ihm nach, gedrückt vom Trennungsleide. Und jede mit des Blutes Wünschen nach ihm blickt und glaubt, es haben ihn Geschäfte und nicht der Liebeskummer über Meere fortgeschickt.
Gleich wie ein Hummer festhält mit der Schere, was er umklemmt, so war ins Herz von diesem Mann die Doppelliebe eingestemmt. Und nichts dies Zwillingsherz in seiner Sehnsucht hemmt.
Er kehrt jetzt heimwärts, ungeheilt, gleich jenem einen, der versuchte, daß er mit seinen Beinen von seinem Leib forteilt,
Indes der Leib doch immer bei ihm weilt, mit Sanftheit und mit Wut, gleich wie in aller Lebenszeit sein angeboren Blut.
Und viele Abende beschwor der leidenschaftliche Erzähler laut mein Ohr und sprach von diesen Frauen beiden, mit Bildern und dem Schildern seiner Leiden.
Gleich einem scheuen Ausgestoßenen vor dem Tor, konnt' er sich keiner Stunde Ruhe freuen und reiste heim, schaudernd entgegen einem neuen Höllenschlunde
Und mit dem Munde zeitlos nur von seinem Unglück plaudernd. Des Meeres Riesenmuschel rauschte groß, indes er seinen eigenen Worten, wie in dem Beichtstuhl, lauschte,
Wobei der Mond ihm sein Gesicht vertauschte; blaß und wie leichenblau saß er im Deckstuhl in dem mitternächtigen Licht, von jeder Freude arm.
Doch sahst du ihn am Tag im Menschenschwarm, so hattest du vor dir ein Menschlein wie die andern, ganz lebensrot und schlicht.
Und nur um Mitternacht, wenn schon das halbe Schiff im Schlafe lag, ging er mit sich, als wär's sein jüngster Tag, bleich ins Gericht.
Er wurde wie ein klagend Ungeheuer, das aus des Blutes Feuer bricht. Hochragend überm Meer stellt' er sein Doppelherz befragend vor die Nacht,
Wie an das hellste Licht sich tragend und, gleichwie Geißeln, Worte in das Fleisch sich schlagend – bis er, erschöpft und endlich stumm, den Boxerlederball als Ziel sich nahm.
Von seinen beiden Fäusten Schlag auf Schlag fiel in die Nacht, als prügelt er sein Unglück krumm und lahm.

 

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