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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 318
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Auf dem Stillen Ozean

Im grauen großen Meeresteller, wo sich die Wellen mischen tagaus, tagein mit gleichem Zischen, kann nie die Dunkelheit sich ganz verwischen.
Die Sonne wirkt hier nur als Fensterluke; die Wellen mauern sich wie Stein bei Stein; das Schiff, nachschleifend schwarzer Schäume Schwanz,
Führt wie die Kellerratte einsam seinen Tanz. Und auf dem Schiff ein jeder Muße hat, mit langem Hals noch tiefer als zum Meeresgrund zu sehen.
Denn weiter noch als bis zum Himmelsrand des Wassers dunkler Schiefer stand. Kein Schiff begegnet dir im Stillen Ozean.
Auf Wochen hin läuft an des Dampfers Kiel des Meeres Meile leer heran. Und auch das Menschenhäuflein auf dem Schiff sieht sich im Riesenmeer fast wie ein Häuflein fortgeworfener Knochen an.
Was sollen diesen vielen tausend Wassermeilen die wenig hundert Menschenherzen, die in dem Schiffsbauch pochen,
Wo draußen Bänderwellen, größer noch als ganze Länder, zwischen Erdteilen hin und wieder krochen. Nur Albatros, Sturmadler, grau und groß, verfolgen tags des Schiffes Zeilen.
Und nachts sind sie verschwunden, niemals nach Sonnenuntergang gefunden. Und jedermann fragt sich im Schiff, ob diese Vögel in dem Mond nachts nistend weilen.
Doch in den frühen Morgenstunden siehst du sie wieder, wie ans Schiff im Flug gebunden. Der Schornsteinrauch, im langen Zug gewunden,
Schleppt hinterm Schiff sich nach, gleichwie ein Aschenschlauch, als fallen hinter uns verbrannt die Meerminuten und die Meersekunden.
Volk aller Herren Länder ist auf dem Deckholz laut und stumm, bedrückt und stolz umhergerannt, als war der kleinste Mensch Diener von einem Zweck, der selbst ihm unbekannt.
Das Schiff ging stetig emsig fort und blieb doch stets am gleichen Fleck. Wohl wechselt Ort um Ort im Meer, und wie das Schiff wälzten sich Wellen fort.
Doch alles schien zugleich stets an zwei Stellen, in wechselnder Bewegung unbeständigem Reich, und blieb sich doch vom hellen Morgen bis an die Mitternacht hin ewig gleich.
Kaum fühlst du noch die Zeit verstreichen. Die Tage sich wie leere, weiße, unbeschriebene Seiten gleichen. Und auch des Schiffes weltlich Lebenszeichen, die Stundenglocke, schlägt kaum an.
In diesem unersättlich stolzen, weiten Raum die Lüfte kaum noch einen Schall verbreiten, als ob sie sich nicht mehr um Zeiten drehten, nur um die Ewigkeiten, unbetreten.
Und alle Menschen hier, in diesem Reiche ohne Zeiten, im Schiffe täglich weiterreiten auf glattem Wasserschliffe und wissen unter sich die sonnenlose Meerestiefe und über sich den Urweltraum
Mit seiner Ferne ohne Traum und Sinn, darin die Sonne klein zum Sterne wird, wie nur ein Bläslein Schaum. Doch auf dem Schiff die Menschen nicht dicht zusammen rücken
Und sind auch nicht demütiglich, nicht wie ein Sünderzug, der hinzieht zu dem Jüngsten Weltgericht. Sie, die aus allen Weltteilstücken kamen und kaum die Namen voneinander kennen,
Sie werden nicht wie Mücken, die im Frost erlahmen. Sie spielen fort getrost die Rollen, auch hier im ungeheuren Meeresrahmen,
Die ihnen, von dem Schicksal ausgelost, bis in den Tod zukamen. Und oft vermeinte ich, daß von vier Himmelsstrichen viermal die wochenlange Leere, die sich gewaltig um das Schiff vereinte
Im unermessenen, blendendweißen Riesenmeere, – sie müßte unterm Trieb von vier Magneten, von Nord und Ost und Süd und West, dem Schiff die Nägel aus den Planken reißen mit einem Hieb,
Daß nur ein Rest, gleich eines Fisches Gräten, im schwanken Wasser kaum zu retten blieb. Aber das Schiff ging zahm, nur mit Gedanken dicht beladen,
An seinem Lebensfaden und war wie eine Fliege, die über dicken Rahm hinlief. Keiner im Schiff mußte am Schreck ersticken, trotzdem doch Hoch und Tief
Und auch zurück die menschenleeren Meilen, vieltausendmal gedankenlos und ohne Hirn, bloß wie ein Ballast auf der Stirn dir weilen. Aber ein Herz saß dir im Blute tief,
Das wie des Meeres Ungestüm stark rastlos weiterlief, – ein Herz, das nachts auch wie das Meer nie schlief. Und wenn der Leib im engen Schiffsbett schwer zum Schlaf tat drängen,
Dann wußt' selbst keiner von dem eigenen Herzen mehr. Und trotzdem mußt' er sich von ihm nicht trennen, und trotzdem läuft es nachts dir noch bewußt,
Denn niemals läßt es deine Brust im Leben ohne Leben leer. Und gleich dem Vogel Albatros verschwindet abends dein Bewußtsein dir samt der Gedanken klarem Troß.
Des Nachts, gedankenlos, geht jedes Schiff groß, einsam durch das Meer und trägt dann eine Herde Unbewußter bloß, gleichwie ein Häuflein warme tote Erde.
Aber des Morgens, ohne Schranken, kommen dann wieder alle die Gedanken den Menschen an von kreuz und quer, die gern die Herzen überlisten,
Wie Sturmvögel, die nachts im Monde nisten und kommen tags von neuem an den Schiffsrand her. Dann fühlst du noch im Tageslicht, wie eine feine Sonde,
Das warme Klopfen, das dir in dem Blut, gleichmäßig wie ein steter Tropfen, von deiner Ewigkeit im Weltraum spricht. Gedanken brauchen wie die Glieder Ruhezeit.
Dein Herz allein bleibt dir zu allen Stunden als Lebenswache Tag und Nacht bereit, – dein Herz, das nachts noch wach im Meere treibt,
Das dir mit deinem Blut die roten Liebeslieder ins grauenvolle Leere schreibt. Und wie ein vollgeschrieben Liederbuch,
Kam auch der Ozean, gefüllt und eingehüllt vom Wohlgeruch der Liebe, mit seinem Herzen an dein Herz heran.
Bald siehst du Liebeslust, so wie dir selbst im Spiegel, auch allen Ozeanwellen und Ozeanwolken an.

 

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