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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 315
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Glücksinsel Enoshima

Enoshima, die heilige Insel, liegt nah dem Kamakurabuddha. Verflucht von einem Drachen einst, schaut sie jetzt friedlich hochauf aus dem Morgenmeer, draußen vor der Sagamibucht.
Gleich einem grünen Sommersessel steht sie im Meeressausen. Dort geht des Glückes Göttin, die schöne Benten, hell umher.
Sie schwebt auf flachen Wellen, gleichwie auf eines Silberteppichs langen Fransen, und hält das Glück in Silberzangen.
Sie tat sich einst dem Drachen zugesellen und liebte sanft das Ungeheuer und küßte es auf seinen blutigen Rachen und gab ihm offen ihre beiden Brüste,
Bis sich die Bestie, tief betroffen, in einen Gott verwandelt, weil dieses Weibes Leidenschaft von Liebe hingerissen handelt.
Und es entweichen diesem Schuppenwurm, der sich am Blut der Menschen wild besoffen, der unerhörte Blutdurst und die rohe Kraft.
Als er das Weib umarmt, erwarmt in seinem Leib der kalte Saft. Er fühlt, daß Liebe ihm ein Herz verschafft, und von ihm sinkt des harten Panzers Buckelhaut;
Der Rachen schließt sich, wird ein Menschenmund, zum frohen Lachen laut. Der Drachen wird zum schönen, wohlgewachsenen Mann,
Der heiß nur noch ins Aug' der Göttin Benten schaut; er wird der Göttin Glück und bleibt ihr treu vertraut. –
Die Strandlandschaft liegt da im Morgenglimmer mit weißer Sandbank, dunkelbraunem Tang und grünen Tannen auf dem gelben Felsenhang.
Mit Hügeln, die im blauen Dunst tief in dem Land verrannen, Wolken wie weiße Ballen in dem Blau auftauchen,
Und draußen bauchen Wellen sich bei Wellen wie hundert hohle Wannen. –
Ein Künstler einst verzweifelt, ohne Kraft hier seinen Pinsel vor der Landschaft von sich warf, wie einer der nicht weiterleben darf.
Seit dieses Künstlers Ohnmacht und Verzweiflung nennen Japaner heut das Landschaftsbild: den Ort, wo Künstler sich erkennen. –
Auch ich steh' ohne Wort am Strande. Weit fern beim grünen Hügellande erschien, erhöht über der Meereswelt, schneeweiß wie auf der Sehnsucht sanft Geheiß,
Das blanke Kraterzell des Feuerberges Fushiyama, der hier allein das ganze Japanland, das Feuer und den Schnee, den Himmel und das Meer verschenkt, –
Wie eine Hand der Göttin Benten, die niemals leer, die Glück verschwenden kann – wie nur an einen Mann ein Weib mit Händen, Herz und Lenden.

 

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