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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 309
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Ausflug zum Chuzenjisee bei Nikko

An der Unruhe des Bergwassers entlang eilte mein Rikschawagen in den Windungen im Talgang. Neben meinem Wagen war der schieferschwarze Gesteinraum,
Und es schoß mir das Bergwasser wie Tintenschaum entgegen und ließ nicht den blauen Himmelsschein freundlich in sich ein.
Das Tal, groß wie ein versteinert Gewitter, bleiern mit Wasserblitzen und Steinplatten dalag. Hoch darüber lebte harmlos über den Waldmatten der blauäugige Frühlingstag, sonnig und mit Behag.
Ich hörte auf Stunden nur das Stromwasser leiern, das gewunden vorbeischoß, und das explodierte, wie angezündet von Pulverlunten.
Ich kam vorüber an den Bergtoren, darin sich die turmhohen Wasserfälle senkrecht vom Gipfel in die Talsohle bohren,
In Abständen, schneeweiß, wie kreiselnde Säulen das Tal beblenden und deinen Ohren Donner und Heulen entgegensenden.
Ich saß in den strohgedeckten Teehäusern an den Bergwegen, die winzige Teeschale in den Händen, und hörte die lauten Wasserfälle fegen
Und sah daneben die lautlosen Berge mit ihren roten Frühlingsgeländen, den kletternden, roten Bergahorn an den Wänden,
Die blühenden Kamelienbäume, die, grau und ohne Blatt, nur rosige Blüten verschwenden, sah Kuliträger in blauer Sackleinwand traben,
Die haben stundenlang vor mir her Hängematten am gelben Bambuspflock über den Schultern hinauf in den Bergstock getragen.
Drinnen hatten japanische Damen Platz, eingehüllt in ihren blumigen Seidenrock. Einer jungen Dame Hände lagen spielend bei blaßblauen Bergveilchen in ihrem Schoß,
Und ihre Augen ließen die Berggipfel nicht los; ihr papierner Fächer war aufgeschlagen, und sie genoß fächelnd den Tag, als ob er hell wie das leidenschaftliche Bergwasser durch ihr Herz floß.
Sie lag da, fein wie das schlafende weiße Kätzlein im Nikkoschrein am Tempeltor, und es kam mir vor, als ob sie Schöneres sah
Und Gewaltigeres, und daß sie nicht bloß Tal und Berg genoß, wenn sie die Augen schloß. Da hörte ich hinter mir Pferde trappeln über das Moos,
Sah Roßbeine, blankes Pferdegeschirr im Gewirr der kahlen Kamelienbäume die Berghöhe erkrappeln. Hinterm Geschäume der Pferdemäuler sehe ich zwei,
Die sind hitzig sehr, wie der hungrige Weih, hinterm Blutgeruch her. In englischem rotem Reittuch die Pekinggesandtin und der italienische Baron im Reiterfrack,
Beider Gesichter hochrot wie flackernder Siegellack. Sie rasen wie ein Waldfeuer durch die Landschaft hin, losgelassen wie zwei Falken aus einem Sack.
Bald hinter den Waldmassen der Höhe erschienen grashohe Bergmatten, und es senkten sich jetzt die Straßen. Es erschien der Chuzenjisee in Hügeln ausgestreckt,
Und Hügelschatten umzogen ihn im Kreis, wie graue Vögel, die ihn umflogen. Sauber weiß aus Holz, stand manch japanisches Haus nahe dem Seerand
Und sah in den Zauber von Wolken, Wasser, Bergring und Schilfstrand. Ich ging um diese quecksilberne Seewelt, die nie stillhält,
Die immer wie ein Blendspiegel dich überfällt; sah manchmal Tempeltore aufgestellt, verdunkelt und erhellt, als ob das Strandbild im Wechsel entsteht und zerfällt.
Und wie ein Kreisel sich blitzend dreht, sah ich dann, im Kahne sitzend, das lebende Ufer wie eine Spukgestalt an, – die im Wahn vorüberschwebende Welt um mich her,
Die, siehst du sie ohne Liebesgewalt an, ohne Halt und kernlos wie im Irrsinn das Lebende malt und wie ein Bergecho leer verhallt.

 

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