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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 308
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Geschichte der Messinglaterne Bakemono-Toro

Seht, in den Nikkotempeln, in der Ecke des Hofes des Shintotempels Futaara-Iinja, unter dem grünen, nächtlichen Waldlaub die Messinglaterne Bakemono-Toro steht,
Die spät nachts bei Nikko umgeht. Zum Herbst, bei der Sterne Schnuppenregen, begegnest du der kreiselnden, großen Messinglaterne auf den Tempelwaldwegen.
Sie blitzt Lichter, die bläulich und rötlich durch die Kryptomerienäste fegen. Sie hat hundert Gesichter, greulich verlogen.
Denn sie ist ausgezogen, um Leute irre zu führen, und lockt ihre Beute unter die Wasserfälle, die weißdampfend sich bei den Bergspalten Tag und Nacht rühren.
Dann, kommen die Leute heim, spüren sie Fieber und können kein Wort mehr für sich behalten und sagen der Welt ihre geheimsten Gedanken, den Jungen und den Alten.
Im selben Tempelhof, neben dem Pfeilerhaus, darunter die Messinglaterne steht, siehst du nicht weit an einem Pfosten eine schwarze Glocke schweben.
Die steht Wachtposten, und sie bekommt Leben, wenn nachts die Laterne sich dreht und fortgeht. Dann beginnt die Glocke dort ohne Klöppel zu schlagen.
Bis zum Morgen fort hörst du, von Zeit zu Zeit, den Glockenton vom Wind weit über die Nikkoschlucht getragen.
Diese Glocke will warnend allen Wanderern sagen: »Sprecht ein Gebet, weil im Nachtnebel und im Sternschnuppenregen heut
Die Messinglaterne Bakemono-Toro auf trügenden Wegen falschleuchtend umgeht.« Eine große Beule könnt ihr an der Teufelslaterne gewahren.
Eines Nachts kehrte die Laterne heim unter Geheule, denn es war ihr einer mit einem Schwerthieb über die hundert Gesichter gefahren.
Und ihr müßt wissen, wie sie handelt, wenn sie aus dem dritten Tempelhof nachts hinausgeht, wie viele Male sie sich dann unter Lügen und Geschwätz verwandelt.
Zuerst kommt sie zu dem »chinesischen Tor«; dem schwor sie stets, sie sei ein Barbier, der die toten Priester nachts auf den Tempelgräben schor.
Und das gute chinesische Tor, – es weiß, daß sie lügt, aber tut immer, als glaubt es ihr. Dann kommt sie zu einem Hügelgrab,
Von dort muß sie zweihundert Steinstufen hinab. Der Bronzestorch auf dem Hügelgrab, der einen Armleuchter hält,
Der hat die Messinglaterne noch niemals zur Rede gestellt. Aber sie lügt, was ihr einfällt, und rennt die zweihundert Stufen fort,
Dabei lockt sie den Storch und lügt, eine Störchin habe ihn drunten gerufen. Aber der Storch sagt kein Wort.
Dann kommt sie im Jeyasutempel zum »Tor der schlafenden Katze«. Der lügt sie vor und beschwor, daß der Mond die Sonne betrügt.
Der Mond verwandele sich gerne zum weißen Kater und jage wie Mäuse die Sterne. Aber die schlafende Katze öffnet nicht eine ihrer Pupillen
Und ist der Laterne nicht im geringsten zu Willen. Und die Katze folgt ihr nicht aus dem Torgehäuse, auch nicht mit einem Auge von ferne.
Die gelbe Messinglaterne dreht sich nun mit eitelstem Gang und glänzt im Mondblau wie ein Pfauenschwanz und rasselt und kommt zum »Kagura-do«. Das ist die Bühne zur Schau für den Priesterinnentanz.
Und die Laterne bestellt sich zur Bühne die Priesterfrau. Die kommt erstaunt im roten Scharlachgewand, im weißen Überkleide
Und mit weißer Stirnbinde aus Seide; nimmt ihr Tamburin zur Hand und tanzt, immer tanzend gelaunt, drei leise, kleine Schritte im Kreise,
Drei Drehungen in der Bühne Mitte, so will es die Kagurositte. Die Messinglaterne rasselt vergnügt und lügt zur Priesterin:
Das Tanzgeld lege die schlafende Katze hin. Die Katze bezahle mit Edelsteinen, die sie umkralle mit ihrer Tatze. Und mit schnellem Satze ist die Laterne verschwunden.
Immer lächelt dann die Priesterin und fächelt sich Luft mit dem Tamburin und setzt sich abwartend geduldig auf die Bühne im Mondschein hin.
Denn nie kam und kommt der Kaguropriesterin, Nacht um Nacht, der Gedanke in den Sinn, daß die Messinglaterne sie lügend verlacht.
Die Laterne aber dreht sich, eitel wie eine Kokette, durchs prächtigste Tor »Yumei-mon«. Dessen Pracht hätte längst den Neid der Götter entfacht,
Wäre an einer seiner Säulen nicht absichtlich ein Fehler angebracht. Nur so darf es strahlen, das Tor.
Denn es will nicht fehlerlos sein und tut sich nicht über die Götter hervor. »Du hast keinen Fehler,« lacht lügend die Laterne zum Yumei-mon-Tor,
»Aber du wärst schöner als der Stern aller Sterne, wärst du nicht so genügend. Komm mit zum Fluß, dort sollst du dich spiegeln, im Wohlgenuß dich mit dir selbst vergnügend!«
Aber der bescheidene, bedächtige Pfeiler Ma-yoke-no-Hashira stützt das prächtige Tor und läßt die Messinglaterne lügen und wandern und schweigt wie die andern.
Die Laterne unter dem Schnuppenregen der Sterne muß weiterfegen wie ein Wirbelsturm durchs »Torrii« mit goldenen »Taguwawappen«.
Und sie leuchtet bald grün wie ein Drachenwurm, bald rot wie ein Purpurlappen. Und sie kommt in ihrer ewigen Unruh'
Zu den drei geschnitzten Affen »Sambiki-saru«. Auch die wollen nichts mit ihr zu schaffen und halten sich Augen, Mund und Ohren zu.
Und die Laterne läßt die drei ungeschoren, aber geht zu dem Stall des heiligen Schimmels unverfroren. »Willst du Flügel?« fragt sie das Pferd ins Gesicht.
Und sie wirft vor ihm ihr rotes und grünes Licht in die nächtlichen Waldhügel und über die Bergstufen. Der Schimmel aber wiehert, und statt daß er spricht,
Schlägt er mit den Hinterhufen auf der Laterne Bügel. Die sieht alle Sterne auf einmal, und, rasch gelogen, sagt sie, die Göttin Kwannon habe sie gerufen, und ist fortgeflogen.
Unten im Landschaftsgarten des Manywanytempel macht sie gerne einen Bogen um die eiserne Sorinto-Säule, die gegen Dämonen schützt.
Denn die erhebt, wenn sie böse Geister wittert, ein warnend Geheule. Beim Tempel der tausendhändigen Kwannon,
Der Glücksgöttin Amida und der pferdeköpfigen Kwannon eilt die Messinglaterne geduckt vor den letzten Tempeln davon.
Aber kaum ist sie unten am Berg, so grinst sie auch schon und wird zum Ungeheuer, spuckt Feuer und Nebel überall und lockt den Nächstbesten zum donnernden Wasserfall.
Ob er flucht oder fleht, sie umkreist ihn. Sie verdreht seinen Blick, bis er Blut schweißt. Sie sitzt ihm im Genick, und er stürzt fort nach dem Wasserfall, der ihm Leben verheißt.
Und er gerät zwischen die weißen Schaumpuppen vom vielästigen Wassersturz. Und zu spät stürzt er davon wie vereist und jagt her hinter Sternschnuppen,
Bis er erkennt, daß er, siedend und kalt, im Fieber fortrennt, daß er lautauf alle Gedanken jetzt nennt wie die fiebernden Kranken.
Und aus seinem rasenden Lauf wacht er niemals mehr auf. Und es lacht die Laterne und verfolgt sein Geschnauf, und über ihn stürzen die Schnuppen der Sterne.
Nur eines allein hält den Rasenden still. Das ist, wenn ihm über die verglasenden Augen die Hand einer liebenden Frau streichen will,
Die hinhorcht auf der nachtwachenden Glocke warnendes Zeichen, daß den Mann nicht wieder von ferne verlocke die Messinglaterne,
Und nicht über ihn fallen von neuem die fiebernden Schnuppen der Sterne.

 

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