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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 307
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Mystik der Nikkotempel

Hin zu der immergrünen Kryptomerienbucht über die Nikkoschlucht führt eine rote Brücke; die ist aus einem Stücke, aus feinem roten Lack geschnitten.
Kein Sterblicher ist darüber je geschritten, nur der Mikado, er allein, wenn er den Nikkotempel sucht, nur dessen Fuß drückt sich im roten Lack der Brücke ein.
Drüben im Kryptomerienhain, der uralt und als finstrer Wald den Bergstein rund bedeckt, liegt droben Tempelschrein bei Schrein im mächtigen Gehölz bergauf versteckt.
Die Pilgerwege steigen bei Waldstämmen, die hochgestreckt, des Bergstroms Zischen hörst du tief vorüberschwemmen, Baumwipfel, die sich bauschen,
Mischen ins Wasserschäumen der lauten Äste Rauschen. Es wachsen allen Flügel, die hier lauschen, aufsteigend in die Hügel.
Und wär' auch keine zweite Brücke aus grobem Steine für die Sterblichen, – ein jeder, der im Wald die Nikkotempel sucht, –
Nicht einer wäre hier zu hemmen, es trügen ihn hinüber die Stimmen aus den hohen Waldesstämmen. Der stünde recht verflucht, als Feigling im Verzagen,
Den nicht die Sehnsuchtsstimmen, auch ohne Brücken, fort über Schlünde tragen. Verstiegen in des Bergwalds Gründe, leuchtet ein Rot,
Als ob ein Feuer tief im Baumschlag droht. Vors Grün der Kryptomerien, die sich wiegen, ist dort hochrot das Balkenwerk fünfstöckiger Pagodenungeheuer
Wie Scheiterhaufen aufgeschichtet. Mit Drachenknaufen und mit hochgeschwungenem Dach bei Dach steht hier die Nikkotempelwelt mit ihren Prunkgemächern aufgerichtet. –
Du gehst zuerst im Wald hinauf, unendlich hohen Treppen nach, darauf sich Moos und Alter, in grün und grauer Sanftheit, eng verdichtet.
Granitene Terrassen nehmen, gleich Waldaltären, dich dann auf, du siehst an dunkeln Zotteln der Kryptomerienmähnen, gleichwie an mächtigen Bären, hoch hinauf.
Es stehen Tempeldach bei Dach, gleich Kähnen, mitten im fliegend grünen Waldgemach. Die Eingänge, Tempelwände, Säulen und Geländer, die unter diesen Dächern sich hier dehnen,
Sind nicht nur aus grober Steinstärke, sind nicht nur aus steinernem Mauergedränge, – es sind Wunderwerke, belebt wie Blumen und gewirkte Bänder.
Sie gleichen Knäulen aus gilbendem Elfenbein, aus roten, schwarzen und goldenen Lacken und aus regenbogenfarbigem Perlmutterstein. Und alle Tempelwände zacken sich wie glutrote Wolkenränder
Und sind gewirkt wie damastene Gewänder. Es sitzt, im Wandgetäfel lebensgroß hingestellt, feingeschnitzt aus Lack, Elfenbein und Gold, eine Tier-, Pflanzen- und Vogelwelt hier.
Da sind riesige brütende Pfauenhennen und Pfauenküchlein, die aus grünem Perlmutter über den roten Lackgrund rennen,
Und die Räder der Pfauen lassen sich aus grünen Smaragdfarben auf rotem Feuergrund schauen. Da sind an den Schreinen
Phönixvögel aus blauen Lapislazulisteinen, die aus Goldflammen fliegen, die sich mit blausprühenden Federn über den gelben Feuerringeln wiegen.
Da liegen in rosigen Perlmutterkörben Berge voll siebenfarbiger Chrysanthemen, rund aus Porzellan, und häufen sich auf dem schwarzen Lackgrund.
Und es strahlen dich statt Steingemäuer diese roten, gelben, grünen und blauen Blumenungeheuer an, die, in der Nähe besehen, sich mit Perlmuttertränen betauen,
Als ob blühende Frauengesichter unter Glückstränen aus den Tempelwänden schauen. Scharen von getriebenen Bronzeschließen an diesen kostbaren Kassettenwänden
Am roten Lackgebälk waren. Diese Tempel glichen goldrot und schwarzen Büchereinbänden, gehalten von juwelengeschmückten Händen,
Die unter den Waldbäumen, den dunkeln, im grünen Sommermorgen funkeln. Auf den langen Steinterrassen saßen vielarmige Bronzeleuchter, Bronzeglocken, Bronzelaternen,
Die in den Formen von Schlangen, Lotosblumen und Lotosblättern schwarzgegossen prangen. Die schweren, geschweiften Tempeldächer
Schützen, wie beschuppte Helme, die kostbaren Gesichter der Prunkgemächer. Auch die Türsäulen stehen hier, von Bronze, Elfenbein und Lack umkrustet;
Darauf sind getriebene Blumen, gebauchte Wolken, gemeißelte Felsen, Vögel und Getier, als sind die weißen Säulen Lichter, die mit Flammenbildern
Alle Wesen der Welt zusammenfassen und schildern. An einer Tempelwand sind drei Affen dargestellt, deren Abbildung ganz Japan auf tausenden Spielzeugen und Nippes gefällt.
Ein Affe die Hand vor die Augen hält; er will dir gestehen: Du sollst nichts Böses sehen, dann läßt dich Böses in Ruh'.
Der zweite Affe preßt sich das Maul, ein dritter die Ohren zu, und sie meinen: Willst du nichts Böses hören, mußt du nichts Böses reden,
Dann leidest du keine Schäden, und du wirst niemanden stören. – Löwen, schlummernd auf den Wurzeln von Föhren,
Wolkenfiguren, Wasserfälle bei Schilffluren, Tiger und Drachen richten sich auf, öffnen ihre Rachen und überschlagen sich im Lauf,
Durchjagen alle Wände und Pfosten und entzünden aus Metall, Gold, Lack, Elfenbein und Perlmutter farbige Brände.
Diese alten Tempel sind wie ein brennender Weltstall, wo die ewig jungen Urgestalten der Blumen und Landschaften sich vor dir unvergänglich und feurig entfalten,
Als wäre hier der Welt Urbildnis in der grünen Wald- und Bergwildnis auf diesen Tempelzellen in Urmodellen erdacht,
Und als hätte danach die Liebe im Weltgetriebe die Welt in Fleisch und Blut zur Welt gebracht.
Es schien mir, als sind hier in ihrer Pracht die Waldtempel eine prunkende Wiege, von wo der Löwe und die Fliege, die großen Kühnen und die Kleinen hinauszogen
Und im lebenden Bogen die Welt durchflogen. Als ob hier die Kraniche und Störche zum ersten Mal aufstiegen,
Pfauen, Phönix, Affen und Ziegen haben sich hier erschaffen. Und es ist, als ob aus den Nikkotempelschreinen alle Samen der feinen Blumenfiguren und Gräser in die Wälder und Gärten kamen.
Als haben sich von den Tempelwänden dort alle Zeichnungen, entstanden aus Künstlerhänden, vermehrt über Weltfluren, von Ort zu Ort.
Drinnen in den Gemächern auf goldenen Lotosblumen sitzen die Götter, die vielen, friedlich wie Frauen, die mit der Welt wie mit ihren Fächern spielen.
In ihren vergoldeten Gesichtern lebt ein Lächeln und ein Vertrauen, das brennt ruhig gleich den Kerzenlichtern und duftet gleich dem Räucherwerke.
Denn alles Träumen wird zur Stärke, – Stärke, aus der sich die Wälder mit den Kryptomerienbäumen aufbauen und sich die Bergschluchten stauen, darin die grauen Bergwasser schäumen.
Denn die träumenden Friedlichen und Sanften sind nicht die Schwachen und Feigen; träumende Götter und träumende Frauen immer sanft im Schweigen handeln,
Weil sie in die Stille wie in einen Kristall hineinschauen, darinnen die Anfänge aller Dinge wandeln,
Die bei Pflanze, Stein, Tier und Mensch im liebenden Zuneigen die Gesichter der beiden Geschlechter zeigen.

 

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