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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 303
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Päonien blühen

Die Päonien blühen! Überall hin trug sich diese Kunde ohne Bemühen. Die Stadt führte der Päonien Namen im Munde,
Als nannte man den Einzug von Frauenschönheiten, die in die Stadtmauern von Tokio kamen. Da Blumen zu allen Zeiten nicht warten können und nicht warten sollen,
Wollen alle die Eingeweihten sie im frühsten Morgen aufsuchen in ihrem Garten. Der Maimorgen schaute voll Helle auf mich von allen Hauserwänden.
Jede Straße ihre kleine Häuserzelle, wie Vogelnester ohne Sorgen, an den Weg aufbaute zwischen leichten Bambusgeländen.
Wie Musik von hundert Händen, erklangen aus den Werkstätten die Arbeitslaute, der Schreiner sägte, der Steinmetz haute;
Manch kleine japanische Hausfrau fegte den Staub aus dem offenen Bambusgemach; aus den Gärten glänzte goldgelbes Junglaub,
Und jeder Falzziegel warf Spiegelfeuer von Dach zu Dach. Den blanken Straßen lief mein Wagen durch die Frühkühle nach.
Die Sonne drehte sich ungeheuer, und die Mailuft rauschte frisch wie unter einer Mühle ein Quellbach.
Viele Holzschuhe klappern, und das schallt, als ob hundert Störche um mich plappern. Nach langen Wegen hält der Wagen vor staubigen Bambusgehegen.
Ich bin am Garten, und still steht das Räderrennen; ein bescheidener Vorhof läßt mich ein, dann durch Mauergänge trete ich in einen grünen Raum voll Schatten,
Der ist kaum ein Garten zu nennen. Gelbe mannshohe Bambusstangen waren in die Erde eingesteckt; darauf hatten die Gärtner, als Dächer, gelbe Strohmatten gedeckt.
Der Garten dadurch wie ein niedriger, dämmriger, gelber Saal war, der Boden bestreut mit rotem Sand, und dazwischen boten sich in hohen Reihen, Schar bei Schar,
Die kopfgroßen, violetten, weißen und purpurnen Blütenrosen der Päonien dar. An einer langen Wand zogen sich unterm Mattendach die geschützten Blumenköpfe hinaus in ein offenes Gartenland.
Zwischen den langen Strecken der großen Blumenflecken stand manch flacher Sitztisch, belegt mit roten Wollendecken;
Darauf saßen japanische Damen, den Sonnenschirm aufgespannt, lassen in ihrer kleinen Hand den Fächer wippen. Es sind vornehme Tokiobürgerinnen im Festkleide,
Die mit ihren Augen wie dunkle Bienen von den Farben der Päonien nippen. In lila und taubengrauer Seide, mit breitem, kostbaren Schärpenband,
Mit viereckigen Schärpenknoten am Rücken, der wie ein flaches Rückenkissen von den Hüften bis an die schmalen Schultern stand,
Sitzen sie geschmückt für den Maitag zur Augenweide. In den Gartenlüften stehen, wie Damenköpfe groß, die feierlichen Päonien, wie Bräute in ihre Hochzeitsstunde verzückt.
Lautlos trippeln vor ihnen japanische Holzschuhe, und es flüstern die Damen vor den Blumen in der Runde, und alle Augen schienen beglückt,
Und sie benahmen sich ehrfurchtsvoll vor der Blumenwelt, die hier im Garten stand, als ob man sich bei den vornehmen Päonien wie am Hof des Mikado befand.
Jede Päonienblüte stand vor den Frauenaugen groß und lichtbeflissen, wie die Liebesgeister in einem Luftschloß leuchtend, als ob sie bloß das Beste vom Leben wissen.
Besser können auch nicht die besten Bücher den Menschen aller Sehnsuchtsorgen entheben, als die Maienblüten im sinnlichen Maienmorgen.

 

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