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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 300
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Gedanken und Abendstunde im Stadtpark von Tokio

Wenn die siegenden Asen, die kleinen, winzigen Lichtgötter, kommen werden in hellen Heeren, sagen alte Mären, dann ist der Kampf gegen die Riesen beendet auf Erden
Und die Götterdämmerung von dem Menschengeschlecht genommen. Mit diesen Gedanken sah ich die Reihen der erbeuteten Stahlmassen,
Die wie eines Riesen zerbrochene, eiserne Pranken ausgearbeitet lagen in Tokio auf allen Paraderasen, und sah daneben die winzigkräftigen freundlichen Männer der aufgehenden Sonne, die Asen.
Die hatten den Riesenkoloß, als seine Stiefel nur an die Grenzen ihres Landes hintraten, ohne lange zu zagen, heimgeschlagen, –
Diese Spielzeugmenschen, die sich sonst gefallen im Naturbehagen und in ihre Häuser zu allen Jahreszeiten einen Blumenzweig hineintragen.
Diese kleinen Asen, die sich Zwerggärten und Zwergbäume erfinden, die sich seidene Röcke umbinden und mit ihrem Leib hinter seidegestickten Landschaftsbildern,
Hinter seidenen Blättern, seidenen Vögeln, seidenen Fischen, seidenen Wolken im Seidenkleide verschwinden, – diese wurden im Kampf
Wie Donnergestampf, wie Blitzgezische im Wolkendampf, und sie fuhren auf aus ihrem gestörten Friedenswahne
Wie die Salpetergemische ihrer halberloschenen Vulkane. Und die Herzen dieser unscheinbaren Menschen, dieser kleinen,
Wurden zu hochgeschleuderten, glühenden Lavasteinen. Ihre eisernen Armeen waren wie wandernde Krater zu sehen,
Die unter Feuerscheinen noch in den Nächten hell stehen; und als wär' über sie gekommen ihres heiligen Fushiberges Wut,
Verwandelten sie auf ihrem Weg zu Asche des Feindes fliehendes Blut. – Die Liebe zum Herde treibt jeden Mann zum Verteidigen seiner Heimat an.
Und die Liebe zum Herde ist die Liebe zum Weib, das, wehrlos auf der Scholle Erde, sich nicht verteidigen kann. –
Ich sah immer wieder diese winzigen japanischen Frauen an, von denen jede nur lächeln und nicht viel reden kann,
Die herantrippeln auf ihren Holzsandalen; auf dem Rücken trägt jede ein Kind, dem sie zulächeln
Und sie gehen unter Bücken, demütig und emsig, dem Geliebten zu nützen; und ihre Papierfächer fächeln. Nur ihre prächtigen, lackschwarzen Frisuren
Sind an ihnen kunstvoll wie die reichen Falzziegeldächer, die ihre Bambusgemächer und Häuser beschützen.
Aber sonst sind an ihnen wenig eitle Spuren, und in der Reihe ihrer leeren Gemächer sitzen sie nicht bei den Heeren von modischen Wünschen,
Sondern bei wunschlosen Tugenden, die sie verehren. –
Am Abend, müde vom Wandern und von den Schrecken jeder Kriegstrophäe, seh' ich in der Nähe des Imperialhotels einen Buschgarten,
Wo die Azalee rosig und lila und in roten und gelben Büschen blüht. Nur niedere Blütenbüsche starrten, und nirgends ein Baum,
Als ob siebenfarbige Abendwolken hier niedergegangen sind auf den Rasenraum. Draußen vor dem Gartentor spielten japanische Fußballspieler und Baseballgruppen
Auf dem zertretenen Stadtplan; und große Volksmassen sahen das Spiel an. Ich ging zwischen den Gartenhügeln und fand Teiche und Inseln dort
Und fand Bambusstangen, mit lila Glyzinen behangen, und ich saß, bis der japanische Mond in den dunklen Mienen eines kleinen Teichwassers erschienen.
Ich hörte einer Okarina zu, die blies einer vor den Fröschen am Ufer mit melodischer Ruh', und es kamen zwischen den Azaleenblüten kleine Liebespaare auf humpelndem Holzschuh,
Die wanderten, wie in Europa, in süßem Gespräche. Dann sah ich allmählich das Mondstück verlöschen auf der Wasserfläche;
Und in der Ferne erschienen in Scharen erleuchtete Papierfenster der Stadt, manche elektrische Bogenlaterne und der blaue Nachthimmel voll blauer körniger Sterne.
Da hab' ich nachgedacht und sprach zu mir also: »Friedlich geht hinter dem Mond gerne zu jedem Volk die Mondstunde rund um die Erde; die Mondnachtstunde
Mit ihrer einwiegenden Gebärde, sie heilt mit der Liebsten Nähe jede Wunde. Dem Ärmsten wird dann die Liebe in der Tasche zum reichen Silberpfunde,
Und dem Durstigen reicht die Mondstunde ein Herz, wie einen kostbaren Wein in silberner Flasche. Aber schlimmer als jedes Kriegsungeheuer,
Schlimmer als dem Soldaten im Granatenfeuer und Wundfiebergewimmer geht es dem Verlassenen und Ungeliebten im Mondnachtschimmer. Dem, der allein, muß der Mond nachts wie ein weißes Porzellanauge leblos sein,
Und die Leere seiner Mondstund' ist auf ihn ewig gerichtet wie einer Kanone Schlund.

 

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