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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 299
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Tokio

Ich verließ die Vulkanzone und das salpeterdampfende Hakone und eines Morgens auch das von Fremden und Fräcken wimmelnde Berghotel von Miyanoshita im Regenrauch.
Und unten in den Talstrecken konnte ich schon die ersten lila Blüten der Glyzinenbäume in den Gärten entdecken.
Von queren langen Bambusstecken hangen die Heere dieser milden Blütentrauben und bilden lila Lauben,
Und man könnte an Gärten aus geklöppelten lila Seidenspitzen glauben. Wie ein blütengewordener lila Regen hängen senkrecht, ohne Bewegen,
Die lila meterlangen Glyzinen über den Gartengängen und sind jetzt als Zweite Blumenfestzeit im ganzen Land gleich nach der Kirschenblüte erschienen.
Die japanischen Gärten sagen: »Gehe den Blumen nach, und du erhältst ein Jahr aus festlichen Mienen, als gehst du der Liebe nach, häufst du über dein Leben Blütendach über Blütendach.«
Auf den Eisenbahndämmen war von blauen wilden Veilchen ein Überschwemmen. Wilde rosige und gelbe Azaleensträucher standen daneben.
Dunkelgrüne Orangengärten umgeben die beschneiten Vulkangelände; und Palmenstände und alle Zonen der Erde wohnen im Tal,
Wie eine Auswahl von Frucht und Blüte an der Tokiobucht; denn in der Nähe vom vulkanischen Feuerherde leben alle vier Jahreszeiten auf einmal.
Am Nachmittag traf mein Zug in der Bahnhofhalle von Tokio ein, indes auf die Hauptstadt ein gewaltiger Regen schlug.
Auch hier in der Millionenstadt war jedes Haus winzig klein; in eine breite, unscheinbare Straße lief mein Rikschawagen hinein;
Festungsgraben schließen innen die Stadtteile ein; Graben, Wälle und manche Brücke zerschnitten die Stadt gewaltsam in viele blockierte Stücke.
Und dort sind Holzpaläste und Gärten, dort lebt der Mikado wie auf einer Inselfeste, in der Mitte, hinter dem letzten Wallring verborgen,
Ein asiatischer Fürst mit europäischen Soldatensorgen. Am nächsten Morgen fand ich auf den Paradeplätzen inmitten der Stadt,
Ausgebreitet gleich ungeheuren Schätzen, Tausende schwarze Kanonenreihen und Stahlgeschosse zu Haufen aufgestellt im Freien.
Siegestrophäen von Port Arthur. Die russischen Kanonenungeheuer ließ man das Volk wie getötete Bestien sehen,
Zerfetzt und zerbeult von japanischem Granatenfeuer, die Stahlmanteltürme der russischen Panzerschiffe, aufgestellt auf Steingemäuer
Und wie Blech durchsiebt. Die grelle Morgensonne schiebt ihr Gestrahl durch den finstern, durchlöcherten Stahl.
Eine stille Anzahl von Hunderten japanischen Landfamilien, von denen kaum eine ein lautes Wort von sich gibt,
Geht im stillen Vereine vorbei an den schweren Eisenkanonen, an den Heeren von Maschinengewehren, und mancher hört dort in Gedanken
Die Stimme eines Toten, die er geliebt; denn das Stahlgerät, zerhiebt und zerkratzt wie Blei, deutet auf manchen Todesschrei.
Und vor den Eisenpanzern, zersprungen wie im Krampf, schiebt sich in die Gedanken manches Gesicht im Todeskampf, das der Krieg nicht mehr hergibt, manch totes verwandtes Gesicht,
Das zu den Frauen, Eltern und Freunden hinter den Masken der grauen Stahlplatten spricht.
Die Japaner, welche meist die Morgenstunden als Besuchszeit wählen, haben sich zu Massen aus Stadt und Land hier eingefunden.
Und Familien fassen sich an der Hand und beginnen statt ihrer verlornen Söhne die Beulen auf einer Kanone zu zählen.
Mancher Granate Schlag wie eine Muschel im Stahl eingedrückt lag; es war, als hörtest du noch vom Belagerungstag der krepierenden Geschosse nahes Heulen in deinen Ohren.
Die Morgensonne kam über tausend und tausend Rücken von langen geschwärzten Kanonenrohren wie ein gelbes Metall gegangen und geflossen.
In den langen Gassen, zwischen den blitzenden Pyramidenhaufen von erbeuteten Granaten und Geschossen,
Sind die stummen japanischen Mädchen und Kinder, in lila Seide, mit einer Blume in den Haaren, im Gewimmel trippelnd gelaufen,
Als lag da, umgestoßen, unterm Morgenhimmel auf den Wiesen über dem Paradeplatz das Stahlgerippe eines toten europäischen Riesen,
Den die Schmetterlinge umgeschmissen und jetzt bestaunen mit ihrer Fühler Getippe. Ich sah nicht eine einzige Träne weder bei Frauen noch bei den Müttern und Vätern fließen,
Und auch keiner verbiß eine Trauer in seine Zähne. Kein Todesschauer und kein Spotten über den Feind mit den winzigen stillen Menschen ging.
Andächtig wie an fremden eisernen Göttern ihr Auge an den toten Armeen der russischen Kanonen hing. Aufgebaut aus Kieferngrün war am gleichen Orte
Eine himmelverdunkelnde, mächtige Triumphpforte. Als gingst du hindurch unter einem grünen vierfüßigen Tier, so stand dieser grüne Triumphsaal breitspurig hier
Zwischen den neuen Scharen von eroberten Bajonetten und beim Kanonenstahl. Auf langen Masten flatterte eine rotweiße Fahnenwelt ohne Zahl.
Fahnen, die im weißen Feld die aufgehende rote Sonnenscheibe malen, eine Fahnenschar, die ihre rote Sonnenstrahlenwelt über die eroberte düstere Kriegsbeute tausendfach hinhält.
Ein zweiter und ein dritter Triumphbogen, aus eroberten Gewehren und Säbeln blitzend hingestellt, schien, mit den roten Fahnen beladen, wie von rotem Kriegerblut schwitzend.
In einen kleinen Tempelhain zwischen Steinlaternen zieht der Siegeszug der Beute dann ein; und hier, in hölzernen Sälen,
Sind die Sättel, Stiefel, Mützen, Degen, Uniformen gefallener Russen kaum zu zählen. An dem zerknitterten eisernen Feldbett des russischen Generals Kuropatkin
Ziehen ehrfürchtig die langen schweigenden Reihen der hunderttausend japanischen Besucher hin. Denn einsam liegen nicht die eisernen Schlachtenreste heute hier zum Siegesfeste,
Die, mit Schlag- und Blutspuren und Schußhieben, wie gefallenes Laub und winzig wie die Fliegen von einem heißen großen Sommer, übrigblieben.
Von den Mandschureifluren, wo der Soldat fußhoch durch Blutbetten gewatet, von den Wolfsgräben, darinnen Menschenleib über Leib, aufgespießt auf Bajonetten,
Die Brücke sein mußte für das Handgemeng', von der Granaten feuerrotem Höllengedräng', daraus es Menschenteile geregnet,
Davon war hier nur wie von einem dicken Buch noch eine kleine Zeile, nur ein Luftzug von Port Arthurs fernem Totengeruch.
Und ich ging in der Volksmenge, die artig die engen Gänge des Siegestempels füllte, und suchte immer noch die Träne, die hier verborgen die Kriegsbeute umhüllte.
Aber keinen Trauerblick zeigten alle diese Leute; es zuckte kein Frauenmund, kein Gedanke an eines Geliebten zerschossene Brust.
Mir war, als lebten hier bei allen Verlust und Besitz in einem ewigen, unzertrennlichen Bund,
Als schlüg' hier keinem mutig liebenden Herzen jemals die Todesstund'.

 

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