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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 298
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der Fushiyama am Hakonesee

Der Bergpaß ist überstiegen, und die Kulis biegen mit meinem Strohstuhle den Waldweg hinab am Waldabhang durch den Waldgang. Hinter den Baumriesen
Dampfen die Seenebel auf den ersten Strohhäusern drunten in den Hakonewiesen. Ein hölzernes Shintotor im Wald, ein paar Steinlaternen davor,
Bezeichnet den Eingang ins Dorf. Ein gewaltiger Baumzug von Riesenzedern läuft am See entlang, als wären die höchsten Bäume der Welt hier ans Ufer gewandert.
Und die Riesen machen halt und machen ihre Stämme lang, um über die Schilfwiesen in das Seewasser als Schatten zu fließen,
Damit sie im Seespiegel mit dem Bild des heiligen Fushiberges zusammenstießen. Doch ich suchte immer,
Im Himmel, im Wasser, – nirgends war ein blasser Schimmer vom heiligen Berg zu schauen. Der Fushi sollte sich wie aus weißem Porzellan drüben über dem See zweimal aufbauen,
Oben an der blauen Tapete vom Himmelssaale und unten in des Sees grüner Wasserschale. Ich suchte rund die Gegend aus,
Aber kein Berg für mich im Himmelsgrund und im Wasser unten stund. »Der Fushi,« sagten meine Tragstuhlkulis, »ist heute nicht zu Haus.«
Er war fort, der große japanische Bilderheld, der, uralt, sich in Japan auf jeden papiernen Fächer, auf jede winzige Tasse und sich goldig gemalt hinstellt auf jeden schwarzen Lackkasten.
Meine Enttäuschung schnitt eine traurige Grimasse; es war mir, als müßt' ich an einem gedeckten Tisch fasten. Einsam, als hätte man ihn bestohlen,
So leer lag vor mir der See mit seinen fernen Nebellasten, und ich konnte mir nicht des Fushi Bild vom Himmel und nicht aus der Seetinte holen.
Ich setzte mich in den beglasten Altanensaal des Teehauses, der nach dem See schaute, und bestellte mein Mittagmahl und wartete sehr auf des Berges Heimkehr.
Wie Bleihaufen lagen die Berghöhen um die Ufer. Nach einer Weile kamen leichte Windböen über die Wasserfalten gelaufen,
Die Nebeltraufen begannen sich zu regen; es war, als stiegen weiße Kuhherden dampfend an die Seeränder, um zu saufen.
Und wie eine hohe Frau, deren weiße Gewänder geordnet werden, und die lautlos einzog, erschien langsam der blendende Kegel des Fushi hoch über der Erden;
Und mein Herz ihm entgegenflog. Die silbernen Gipfelränder erschienen, als die Nebelbänder seitlich rollten; bläulicher Sonnenschein war in seinen Mienen.
In den grauen Tag hinein sah der weiße Berg aus dem blauen Licht wie ein silbernes Gesicht aus einem Glasschrein.
Sein Haupt sah für Augenblicke auf mich, wie ein fliegender Geist, der die Nebel schlicht fortweist, aber Leib und Fuß erschienen nicht.
Dann von Nebeln umkreist, kurz wie er gekommen, ward der Heilige Berg wieder genommen. Von göttlicher Nähe verlassen, lag dann der Seeraum wieder beklommen, trüb zwischen den Bergstraßen.
Und mein Herz am Seesaum sehnsüchtig übrig blieb, wie ein leeres Boot, das in die Seebucht trieb.

 

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