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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 296
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Geschichte der Brüder Juro und Goro und der Kurtisane Tora Gozen

1

Die Kirschen blühen über dem lauten Frühlingsbache, und Rache für den Vater rufen die Gebirgsechos von Hakone.
Rache rief der Mond in den Kirschenbäumen über dem Dache; Rache rief selbst am Weg ein schneeweiß Büschel der Waldanemone.
»Rufen meine Schritte auf allen Dielen nicht stündlich Rache?« so sprach Juro zu seinem Bruder, und, seinen Bogen gespannt, ließ er Pfeile zielen,
Pfeile, lange, stahlharte, die nicht mit dem Leben spielen; und alle Pfeilspitzen senkrecht ins Schwarze der weißen Scheibe fielen.
Dort blieben sie erschüttert und dröhnend sitzen gleich Stichhieben, und Juro begann seinen Bogen, den starken, wie einen Gott der Rache ehrfürchtig zu lieben.
Goro, sein Bruder, die Lanze in der Faust, war wie die Papierscheiben, auf die sich der Mond durchpaust, blendend und weiß im Gesicht.
Er nickte stolz, und sein Speer ist gesaust, als durchbohrt er Gespenster. Und er aß nicht und trank nicht, und wie der Bruder schlief er ein Jahr nicht.
Seit zum letzten Mal die Kirsche aufblühte über dem Dache und vor seinem Fenster, kämpft er, übt sich im Lanzenwurf auf der Pirsche, tötet und ficht.
Beide Brüder, von Rache durchdrungen, den Vatermörder zu finden, halten sich jetzt wie zwei verwachsene Äste eines Baumes, die sich umwinden.
Und sie schwören den Bergen von Hakone, die nie verschwinden, sie wollen rächen, noch eh' dieser Sommer verflogen, mit Pfeilen und Bogen,
Mit Lanze und Schwert. Und beide, Juro und Goro, bewehrt und gerüstet, sind ausgezogen.

 

2

Kudo Suketsune hatte damals hitzig beim Gastmahl getötet im Trunk. Juros und Goros Vater lag leblos vor ihm gleich einem Wurzelstrunk.
Des Gemordeten Festgewand war zerfetzt, die Strohdiele von klebendem Blut gerötet, und alle Gäste flohen entsetzt.
Und der Gemordete wurde von Kudos Dienern verscharrt ohne Prunk. Der Mörder Kudo Suketsune lachte darnach, wie ein Zedernast knarrt,
Rief Tora Gozen, die Kurtisane, zum Tanzen und hat ihr ein Lied geflötet. Aber Tora sah Kudo durchdringend, als wär' sie ein Spiegel, an,
Daß ihm eisiger Schweiß auf der Stirn gerann und Kudo seine Flöte zerbrach. Er jagte Tora aus seinem Gemach;
Und dieweil er sich besann, war ihm, als regnete Blut auf sein Dach.

 

3

Juro und Goro gehen, den Vater zu rächen, bewaffnet im Abendstaub über fallendes Herbstlaub, und kommen zu Oizo heran.
Dort zünden eben die Mädchen die Papierlampen vor den Teehäusern an. Aber der beiden Brüder Augen und Ohren haben nicht hingeschaut, sie sind ohne Laut wie das Herbstlaub,
Sie sind wie die Schlafenden taub. Tora Gozen, die schöne Kurtisane, mit Reismehl geschminkt, rosig wie der Feuerberg Fushi im Abendschnee, lächelnd den Brüdern winkt.
Sie sitzt im Teehaus hinter dem Gitter im Erdgeschoß und sieht Goro an, den sie ins Herze schloß. Und sie bittet noch in derselben Stund'
Heimlich im Geist seinen Mund, daß er kommt und Tee bei ihr trinkt. Goro, der junge, in dessen Armen Speer bei Speer im Abendlicht blinkt,
Eh' er sich noch besinnt, spricht seine Zunge: »Höre, mein Durst ist groß, Bruder Juro, teurer Rache Genoß, laß uns ins Teehaus eintreten!
Wir wollen uns stärken noch heute nacht, und morgen am Mittag sei die Rache, die wir wohl bedacht, dem Vater und allen Göttern gebracht.«
Juro hatte die Mantelkappe tief übers Gesicht heruntergezogen, und Tora konnt ihn nicht sehen. Juro nickt, und die beiden Brüder gehen ins Teehaus.
Und Goro sieht Tora am Gitter dort stehen. Da werden des durstigen Goro Augäpfel, die vorher tot, wie tauendes Eis im Abendrot, und sie müssen heiß das Mädchen betrachten.
Aber sein Bruder Juro, tief unterm Mantel versteckt, geht über die Schwelle ins Haus, ohne auf Tora zu achten. Im Obergemach streckt sich Juro aus, schläft ein und schläft Stunden;
Und als er nach Mitternacht aufgewacht, hat er sich im Dunkel allein gefunden. Dicht nebenan, hinter papierener Wand, hört er ein Mädchen seufzen,
Und ihr Seufzen kein Ende fand, bis Juro aufstand, die Schiebetüre zog und sah durch die offenen Wände ein Mädchen drinnen bei einer Lampe,
So schön, daß ihm das Blut ins Gesicht flog und sein Herz wie ein Feuerberg dastand. Er fragte nicht nach ihrem Leide und reichte dem Mädchen nur die Hand
Und ließ sich nieder dicht bei ihrem blumigen Kleide. »Bleibst du jetzt?" fragte das Mädchen und hob ihr verweintes Gesicht, und der Puder ihrer Wangen lag weiß auf ihrer scharlachnen Ärmelseide.
»Ich bleibe!" nickt Juro, verwundert, daß die Schöne vertraut zu ihm spricht, als sind sie seit Stunden bekannt. Dann aber hat das Mädchen sein Gesicht Juro voll zugewandt.
Sie weicht zurück, wie ein Ertrinkender ohne Land, sieht ihn an, als ob sie vergleicht, und ist plötzlich aufschreiend fortgerannt.
Juro sitzt staunend am Boden allein, sieht ins Kohlenbecken hinein; da tritt Goro ein. Kaum sieht Goro seinen Bruder im Lichtschein,
Ruft er aus und stürzt nieder: »Hilf, Bruder, hilf, mein Blut will vergessen, laß uns eilen, dies Haus ist von Dämonen besessen!
Ich kann mich kaum mehr besinnen, – was wollten wir morgen erleben? Ich kann meine Waffen, den Speer, die Rüstung, den Helm nicht mehr heben!
Bruder Juro, trage mich fort aus dem Haus, ich bin wie ein Knabe, so schwach bin ich worden, seit ich den Schatten von Tora Gozen mit meinem Schatten gestreift nur habe.
Ich habe Tora noch nicht berührt, ich habe nur ihren Schatten durchs Gitter auf meinen Schatten fallen gespürt.
Ich bin durch die Nacht gerannt und wollt' meinen Leib zerbrechen, Bruder Juro, ich weiß nicht mehr: wen wollten wir rächen?
Ich hebe keine Lanze mehr auf, ich bin schwach wie der Schaum auf den Frühlingsbächen; ich weiß keine Namen mehr, ich kann nur noch Toras Namen sprechen.«
Da öffnet sich langsam die Schiebewand, und Tora steht am papierenen Rahmen, – dieselbe, die vorher bei Juro gesessen.
Ihre Augen messen die beiden Brüder, als wollte sie Bücher aus ihnen lesen, und ihre Augen wurden müder und müder, als ob sie aus weiter Ferne ans Licht herkamen.
Aber sie tritt nicht ein, nur ihre Hände schieben, wie zwei Brüder im Verein, über die Schwelle ein Kästlein. Dann scheinen die Hände ihr ganz zu erlahmen.
Sie zieht sich zurück, sie seufzt und schiebt die Türe in ihren Rahmen. Sie ist verschwunden, und die Brüder erkennen im Kästlein am Boden einen Frauenhandspiegel, einen metallenen, runden.
Sie betrachten erstaunt das polierte Metall und finden beide im Spiegellicht zweimal zugleich ein und dasselbe Gesicht. Zweimal dasselbe Gesicht sieht ihnen entgegen, und verwundert jeder der Brüder spricht:
»Will der Spiegel uns necken? Zwei sehen hinein, und nur einer ist zweimal darin zu entdecken.« – Verwundert denken die Brüder nach, und gemach versteht ihr erstaunter Verstand:
Zweimal der gleiche Gedanke, dieselbe Rache, dieselbe Liebe in ihren Gesichtern sich fand, so daß sie wie Eier sich ähnlich geworden und nicht voneinander zu kennen.
Und nur eine, die einen von beiden liebte, die konnte die Zwillingsgesichter trennen.

 

4

Im nachtdunkeln Jagdgrund, vom Feuerberg Fushi rot erhellt, hat der Schogun von Joritomo sein Jagdlager hingestellt;
Auch Kudo Suketsune war als Gast eingeladen und hatte im Lager ein prächtig Gezelt. Das Wild war mager;
Man tat sich die Zeit mit Spielen und Essen und Trinken verjagen; da erscheint am Waldrand im Abend eine Frauensänfte mit Trägern, die sich nicht näher wagen.
Und der Schogun ließ fragen: »Wir sehen aus den Farben der Sänfte, daß ihre Träger uns eine Kurtisane wie ein Geschenk der Götter hertragen.
Wir lassen sagen, die Schöne möchte heut abend abstehen vom Weiterreisen und unsre Augen und Ohren unter den Fackeln auf dem Rasen mit ihren Liedern und ihrem Tanzschritt speisen.«
Da tat man alle Fackeln anblasen, und dann ließ sich unter den Bäumen und überm feuerroten Rasen, wie der Mond überm Rauch,
Das weiße Antlitz von Tora Gozen anschauen, sie, die schönste der tanzenden Frauen, sie, die zart ist wie auf einem Spiegel ein Atemhauch.
Sie ist den Zuschauern erschienen wie ein Abendsegel im Abendwind, faltenlos und weiß, ein Segel, das seinen Schein leis in die Seewelle goß
Und hat ein zweites Leben in der Welle spiegelndem Augenkreis. Und Tora wiegt sich in der Fackelhelle wie eine Flamme, vom Rasen aufgeschossen.
Aber mehr als ihr Lächeln entzückte ihr Seufzen, das sie mitten im Tanzen ausgestoßen. Breit unter des Schoguns Schranzen saß Kudo Suketsune in Kleiderpracht.
Er freute sich, Tora Gozen wiederzusehen, und verlangte sie gleich vom Schogun für die Nacht. Tora scheint für ihn nur zu tanzen, als hätt' sie heut nur für ihn sich gekleidet.
Und immer näher sie tanzt und tanzt an das Licht und tanzt Suketsune dicht unter die Augen, und da ist es, daß ihr Seufzen spricht, wie eine, die durstet und leidet.
Ihr Schatten sich über den Zuschauerraum wie ein Kreisel dreht, als ob, hell und dunkel und fackelheiß, ihr Blut, rund im Kreis, schnell über die Stirnen der Männer geht.
Aber dicht vor Suketsune hält sie den Blick gesenkt, und der Fächer, den sie über ihn hin wie eine runde, rote Blume schwenkt,
Der Fächer fällt aus der Hand und fliegt Suketsune leicht in den Schoß, wie mit Absicht geschenkt.
Der will lächeln, – die Luft zischt, ein Pfeilstoß blinkt, ein Bogen pfeift; und vom Tod weiß und vom Fackellicht rot gestreift, sinkt Suketsune zum Rasen, eh' noch sein Gedanke vom Fächer schweift.
Zugleich stürzt von rückwärts vom Walde über des Lagers Schranke und über die Rasenhalde, an Kudo vorbei, eine surrende Lanze,
Und Tora Gozen, durchbohrt, fällt ohne Schrei, zum Tode getroffen, im Tanze.
Aufwirbeln die Menschen und Schatten, Zuschauer und Diener, Soldaten und Wachen, sie schleppen entwaffnet totbleich einen Mann vom Wald zu der Fackeln Mitte heran.
Sie trafen ihn liegend, verblutend an einem Harakirischnitte, am Waldrand auf einem Baumast, das Auge verglast, vom Tanzplatz fern nur zehn Schritte.
Man legt den Toten zu beiden Leichen unter die flatternden Fackeln hin, wo die drei Toten unter den roten Flammen den roten Lebenden gleichen.
Man findet und bindet dann noch einen Mann, angewurzelt im Gras, wie ohn' Lebenszeichen, als konnt' er nicht mit seinen Speerstangen, die seine Hände umschlangen,
Vor den drei Toten am Feuer entweichen. Erst als man ihn in den Fackelkreis brachte, der Mann tief seufzend erwachte.
Und als man ihm den toten Suketsune zeigte, der Mann am ganzen Leib lachte. Und als man ihm Juro und Tora wies,
Da war es, als ob man sein Herz ausblies. Und Goro nie mehr einen Laut dann im Kerker und keinen Laut unter dem Beil ausstieß.

 

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