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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 294
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Fushiyahotel in Miyanoshita

Im Fushiyahotel in Miyanoshita war groß der europäischen Gäste Schar; Lesesaal, Treppenhaus und Glasveranden
Schwärmten voll von Damen und Herren, die sich von allen fünf Weltteilen zusammenfanden. Ich sah einen alten Bekannten auf mich zueilen,
Einen amerikanischen Bischof; den hatte ich seit Benares, also seit vielen tausend Seemeilen, nicht mehr gesehen. Schon im Roten Meer sprach ich von ihm in diesen Zeilen.
Ich hörte ihn damals mit der Schreibmaschine in seiner Kabine Predigten ausfeilen und traf ihn öfters danach noch auf mancher Eisenbahnschiene.
Er reiste, um alle asiatischen Götter zu sammeln. Mit geduldigster Miene umkreiste er Indien und brachte Koffer voll winziger Messingbilder der Götter aus indischen Meeren,
Und auch die Götter trug er jetzt bei sich, die China und Japan verehren. Er war ein milder Priestermann, und er wollte im amerikanischen Schulplan
Alle Götter der Welt den Kindern erklären, und die Kinder sollten verstehen: die Götter sind Pfadfinder und bringen die Menschen aller Weltteile zusammen,
Wie viele Hirten die Rinder. Aber ich sagte dem Bischof: Noch geschwinder als die Götter ist das Menschenherz Pfadfinder.
Wenn alle Völker endlich verstünden, daß in allen Weltteilen Männer und Frauen sich für einander entzünden, und dann ihre Liebe als ihre Gottheit verkünden, –
Diese Einheit aller in Liebesgründen, sie könnte alle Weltvölker mit einer einzigen einfachen Gottheit verbünden,
Mit der Gottheit Menschenherz, um die das ganze Leben kreist, dem Menschenherz, das alles Menschliche ordnet und alles Unmenschliche abweist.
Die Liebe vom Mann zum Weib ist rings um die Erd' eine Einheit, die Liebe ist die einzige Gottheit, die mit ihrer leidenschaftlichen Gebärde die Menschen leben und sterben heißt.
Diese Liebe ist der rote Faden im Labyrinth der sieben Meere, der niemals abreißt.
Viele Götter sind erschienen, auf- und untergegangen, wie die Sonne mit Schnee, Regen und Frühlingsmienen;
Aber mit immer gleichmäßig jungen Wangen nimmt die Liebe vom Mann zum Weib, nimmt Menschenherz das Menschenherz unsterblich gefangen;
Nimmt die Liebe unsterblich jeden blühenden Leib in ihre glühenden Zangen, und keiner, der herzhaft gewesen, ist der Liebe entgangen,
Und nicht der Stärkste ist je von der Liebe genesen. Sie ist das Höllenverließ und das Kirschblütenparadies aller Lebenstriebe,
Und nur der Feige entgeht ihr im Weltgeschiebe. Alle Völker bauen um die Liebe ihre Herde, allen Völkern lehrt sie der Weisheit vornehme Gebärde,
Und allen Völkern gräbt sie ihr Grab in die gleiche Erde.

 

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