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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 289
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Auf den Straßen in Nagoya

Als ich das Schloßtor verließ, mein Rikschamann einen Schreckruf ausstieß. Vor dem Nagoyaschloß riß ein wildgewordenes Pferd sich los und rennt in seiner Angst den Soldaten um, der es führte.
Es spürte mit den Nüstern in die Luft und sprengte fort, als ob ein großer Schauder es bedrängte vor einer Reihe Europäer, welche in Rikschas zufällig um eine Straßenecke lenkte.
Auch das japanische Pferd haßt, wie die japanische Frau, den europäischen Geruch; vielleicht trug es noch mit sich vom Russisch-Japanischen Krieg in seinen Nüstern den Blutfluch. –
Ich zog weiter und bog in einen Hof ein; da ist eine Halle als Schrein, die enthält fünfhundert kniehohe Buddhafiguren, und jeder Buddha ist anders dargestellt.
Sie lachen, weinen, schlafen, wachen, sind vergnügt und gequält, fünfhundertmal sie ein anderes Gesicht sich verschaffen,
Sind wie Grimassen von fünfhundert Affen und leuchten in allen Farben wie Blumengarben. Die Japaner gestehen:
Es kann unter den fünfhundert jeder Mensch seinen Vater sehen, seine Mutter und seine Braut, denn jedes Menschenvolk ist auf der ganzen Welt immer wieder nur aus fünfhundert Gesichtern aufgebaut.
Gern wär' ich Tag und Nacht in dem Schrein geblieben und hätte das Gesicht gesucht, das sich mir am tiefsten ins Leben eingeschrieben;
Aber ich war zum Weiterwandern verflucht. – Ich kam zu einer andern Gasse; da begegne ich einer Schar Leute, die, Gesänge näselnd, Trommeln und Gong anschlugen
Und eine Sänfte trugen, darinnen kauernd ein Leichnam war; in Rikschawagen folgten trauernd die Verwandten, die Räucherwerk am Weg verbrannten.
Noch lange Stunden danach meine Augen die Farben der Welt nur schwer erkannten. Des, sagt' ich mir, hast du nie unterwegs gedacht,
Daß der Tod täglich, wie die Sonne, seinen Weg um sieben Meere festhält; und wer sagt dir, ob es ihm in dieser Stunde nicht gefällt,
Daß er ein Gesicht, das liebste, das du vorhin unter den fünfhundert im Tempel gesucht, sich heute zum Mitgehen wählt! – Und mehr als vorhin das scheue Pferd,
Ward ich jetzt vom Schreck entstellt und vom Geruch des Todes gequält.

 

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