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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 287
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Unterwegs nach Minoshita

Ich bin von Kioto weitergereist und wollte endlich den Fushiyama sehn, diesen adeligen Vulkan, um den sich alle japanischen Landschaftsbilder wie Radspeichen um eine Achse drehn.
Aber er lag noch in rauchenden Frühlingswind verschlossen, und nur dampfende Wolkenmassen von seinen Flanken in das breite Land herabflossen.
Ich wollte auch zugleich zum Hakonesee, dessen Wasser des Feuerberges Silberbild anfüllt. Dieser See liegt hoch im Gebirg' mit gewichtiger Wasserfläche,
Und See und Vulkan führen mit Spiegelsprache bei roten Sonnenuntergängen feurige Gespräche. Auf dem Weg zum Fushiyvulkan
Hielt ich zuerst unterwegs hinter Kioto in der kleinen Provinzstadt Nagoya an. Im Hotel kamen der winzige Wirt und zehn winzige Dienerinnen zusammen zur Türschwell',
Und alle zogen laut atmend die Luft ein vor Hochachtung, und die Mägde fielen zur Diele mit tiefster Verbeugung.
Ihr begrüßend Geschlürfe hat geklungen, als schluckten alle elf lebendige Austern mit lauten Zungen. Nach einem kochendheißen japanischen Bad
Bedienten mich alle zehn im Eßsaal im lebhaften Verein; sie verstehen kein europäisches Wort, aber sie führen die Unterhaltung miauend fort,
Wie Kätzlein sich schmiegend, die Gesichter gepudert, die Brauen gemalt, der Mund nur ein Punkt, rot und klein; alle schauen weise und altklug auf mich plumpes Europaschwein,
Das mit Stiefeln das Zimmer betritt, statt mit weißseidener Strümpfe Schimmer; das, statt mit Elfenbeinstäbchen zu essen, mächtig mit Messern und Gabeln Fleischhaufen zerschnitt;
Das in dicker, plumper Wolle umgeht, statt in einem Seidenkaftan bequem und fein; das, in Röhren eingenäht mit Armen und Bein, unbequem deutlich dasteht;
Das nie einen Farbenschein zeigt, nie einen Seidenschimmer, und vor dem die kleinen genauen japanischen Frauen, wie vor einem Barbaren,
Bei seinem Grüßen und vor seinen schwarzen Stiefelfüßen halb belustigt und halb verlegen erschrecken müssen.
Der Europäer, der glaubt, alles zu wissen, alles zu kennen, und der alles sein nennen will, erscheint den Japanerinnen unfein, unbescheiden und zum Hochmut beflissen.
Und sie haben für ihn nur ein nachsichtig Lächeln allein; denn er erkennt nur als sein einzig vorrechnend Gewissen sein Scheckbuch,
Und sein Herz erscheint in Japan gröber als seines Rockes grobfadenes Wolltuch.

 

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