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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 285
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Japanische Gärten

Sind die japanischen Zimmer für den Europäer leer wie Holzrahmen, wie Bilderrahmen, die den Schimmer des Menschengesichtes gediegen, zart und ohne Beschwer
Wie ein lebendes Bild aufnahmen, so ist der japanische Garten am Haus umher kraus und kreuz und quer voll kleiner Brücken,
Voll Steinlaternen bei Wasserlücken, und auf manchem Hügelein, rund wie ein Buddhabauch, sitzt ein kostbarer Zwergstrauch, wertvoll gleich teuren Möbelstücken.
Da sind keine Bäume, die lärmendes Rauschen vollführen; nur eine stille Welt aus Strauchfiguren steht über den Rasen, die sich nie rühren.
Ein vornehm japanisches Haus lud mich in seinen Garten an einem Nachmittag. Alle Schiebetüren waren geöffnet im Haus,
Und ich sah erstaunt hinaus und wußte nicht, wo sollte der herrliche Garten sein. Drunten lag nur ein welliger Rasenrain.
Kein Weg führte hinein, kein Baum sah ins Haus herein; vor mir nur ein grüner, mäßiger Raum von welligem Rasen,
Aber der Garten selbst schien wie fortgeblasen. Ich trat auf den Hausaltan und suchte vergeblich Baumgänge, Lauben und Blattgedränge.
Nirgends Blumenbeete, nirgends Scharten, nirgends Teppichrabatten; vor mir eine unverständlich grüne Grasenge,
Darauf nur leichte Hügellinien um seichte, rinnende Wasser; ein paar Zwergsträucher, von denen reichte mir keiner kaum ans Knie.
Und ich stand, wie der einzige Baum, groß auf dem Altan vor dem grünen Rasenraum und glaubte, ich finde den Garten nie.
Endlich der Hausherr und ich das Rasengras betraten; da lagen in krummen Reihen unregelmäßige, glatte Felsplatten, fein säuberlich eingelassen in die Grasmatten.
Diese gingen quer durch die Rasenmitte und bildeten nacheinander den Weg für die Schritte.
Es war ein Gewander wie über die Rasen von bergigen Wiesen. Es gluckste des Wassers behutsames Fließen.
Aber immer noch wollte sich mein Verstand nicht für diesen Garten erschließen, bis ich über kleinen Steinbrücken fort
Ein rotes Teehäuslein, zierlich geschnitzt, im Grünen fand; und dort nahm der japanische Hausherr erklärend das Wort.
Er deutete lächelnd mit der Hand über die Aussicht, die für mich aus nichts bestand; vor mir war nur der Rasen grün und der Himmel blau.
»Dies,« sagte der Japaner und zeigte mit einer Geste wie über ein Paradies, »schau dies, dies ist die Heimat meiner Frau!
Hier in dem Teehausschatten kann sie sich nach Haus zu ihren Eltern träumen. Sieht sie hier, mit dem Kopf auf den Fußboden gestützt, hinaus,
Gleicht jede winzige Hügelwelle im Garten den großen Bergsäumen vor ihrem Elternhaus. Und jede Rasensenkung täuscht ihr vor vom Talschwung der Heimat eine Ahnung.
Zwergahorn und Zwergeiche tun das gleiche. Sie sieht hier, auf dem Raum von einigen hundert Schritten kaum, die Landschaft von hundert Meilen
In Zwergbaumlinien, in Hügeln und Wasserzeilen; sie sieht die Heimat ihrer Lieben rund, kaum einige Hände hoch über den Gartengrund hingeschrieben.«
Ich stund wie einer, der blind gewesen, der mit einem Mal sehen lernt, vergleichen und lesen. Was ich für Wurzelstaude und kriechenden Busch gehalten auf den Rasenfalten,
Waren fünfhundertjährige Eichen, Fichten, Zedern, vielfach verästet, verkrüppelt und vom Alter gespalten.
Der Garten, der vorher verschwunden war, lag als fußhohes Landschaftsbild vor dem Altan des Teehäusleins im Nachmittag jetzt klar.
Ich verstand jetzt, daß der kniehohe Garten eine ganze Provinz von Landschaften war, in deren Mitten
Selbst die kleinen Japaner wie große Riesen über die hundertjährigen Eichenwälder und über die lebenden Flüsse schritten.
Die Liebe, der Riese im Mann, zog dem geliebten Weib die alte Heimat über Meilen an die Türe heran,
Daß die Geliebte, wenn sie wünscht, darin weilen kann und träumen, wie sie als Kind es getan. –
Es sind um Kioto noch seltsame Sommergärten der Kaiser entstanden, in denen sich in einem, der »männliche« und der »weibliche« benannt,
Zwei Wasserfälle befanden und Brücken in Brillenform, die mit kreisrunden Rücken den Wasserspiegel schmücken.
Da sind Gartenzimmer mit vielfacher Benennung: Die Harfe in der Kiefer, Zimmer für den aufgehenden und Zimmer für den untergehenden Mondschimmer,
Zimmer der Blumenbewunderung. Ein jeder Garten dieser Art ist genannt eine Zeremonie, denn er offenbart allen Dingen eine Deutung.
Wie in einem Lied jeder Reim, jedes Wort einen Keim gibt dem Sehnsuchtssinn, so steht in einem japanischen Garten, grad oder gebückt, jede Zwergform dort und wirkt als Rhythmus fort und fort, und nichts stellt sich hin
Ohne Willen. Jeder Garten entwickelt eine inwendige Gewalt, die dich im stillen fortrückt und entzückt.
Ein japanischer Garten ist fast unsichtbar, wie ein Wort, das sich unterdrückt, und das sich im Gesicht heimlich und beglückt hinmalt.

 

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