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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 283
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Im Bergkanal zu Ozu

Am Fuß des Tempelberges von Mijdera führte ein Fünfmeilenkanal als Tunnel durch den Berg hindurch, vom See Biwa zum Kiototal.
Ich fuhr auf einem Boot in den Berg hinein; bei einer Kerze Schein drangen japanische Schiffer mit mir in den finstern Bergbauch ein.
Nur der nassen Mauermassen Gefunkel warf Tropfen ins Dunkel, sonst sah man nicht die Hand vor dem Gesicht, wenn man am Bootsende stand
Und sich die Kerze am Kiel befand. Mit einer Stange sticht der Schiffer ins Wasser, auf einer stundenlangen Fahrt, auf der nur das Wasser glucksend spricht,
Geht es finster vorwärts in dem unterirdischen Gange, fern von Menschen und Tageslicht. Manchmal erscheint, wie ein Feuerpunkt in der Nacht,
Ein begegnendes Boot, beladen mit Warenfracht, und das Bergecho kracht gleich hallenden Schüssen, wenn sich die Bootsleute zurufend grüßen.
Wie ein Boot, das der Tod lautlos fährt, durch die Unterwelt, hält der Schiffer die Stange schattengroß und breit und führt wuchtig Stoß um Stoß in die Dunkelheit.
Wie ein Gestorbener ohne Macht mußt du hier, fern von Leben und Zeit und Tagesschein, tief unter den Wurzeln der Zedernbäume
Wie in einem schmalen Holzsarg sein, bist winzig wenig, bist mächtig allein; und draußen die Welt fährt fort und lebt ohne dich lustig und prächtig.
Dann, als du übernächtig vom langen Dunkel, bricht mit Prangen der elektrische Tag wie ein Hammerschlag in die Bergnacht hinein.
Und Wasser und Wände tanzen gleich brillantenen Feuern, und du kannst deinen Einzug in die Welt erneuern.
Eben, als das Dunkel mir gefällt und mein Auge kein Licht vermißt und bescheiden wie ein Asket geworden ist,
Da lag wie eine Eischale vor mir der weiße Tag und die Stadt Kioto im bläulichen Stromtale, und der Kahn geht durch grünen Wiesenrain,
Wo die Scharen von Blauveiglein vom Frühling ins Gras gestellt werden. Und du bist wieder bei deinem Schatten auf Erden und suchst deine Straß',
Und drei Schritte weiter hat dein Herz schon vergessen, daß es zwischen zwei Tälern unterm dunklen Erdberg gewesen.

 

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