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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 281
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der alte Baum am Biwasee

Die Landstraße hatte starken Fall, und vor mir bergab lag der glatte See Biwa aufgerollt, wie Millionen Pfunde gewalztes Metall.
Vor dem grauen Seegrunde stund am Weg manch Bund rosiger Kirschenbäume und die grauen Ziegeldächer der Stadt Ozu und schieferfarbenes Bergland im Halbrund.
Mein Rikschawagen jagte am Ufer, wo nur Stoppelfelder von gemähtem Schilf lagen und die Nebel webten, rauchend an die Berge verschlagen.
Das Wasser lag knirschend unterm fernen Regenschauer wie ein Sack, ein grauer; als ob die Leere hier mühsam herumkroch,
So erschien der See in der Frühjahrslandschaft wie ein ungeheures, lebloses Loch. Am Bergfuß, dicht am Seerand, da ist eine haushohe Spinne mit vielen hundert Füßen am Strand gesessen,
Dieses dunkle Untier im leeren Raum verwandelte sich, als ich näher kam, in einen vielfach gestützten Riesenbaum;
Aus drei Balken stand ein Tempeltor als Zeichen seiner Heiligkeit davor. Der Baum ist Japans ältester Riese,
Er steht im weißen Uferkiese, von Hunderten Holzfüßen gestützt. Ohne Krone, zerbrochen, zerspalten und von hundert Krücken gehalten,
Als ist ihm das Sterben verboten, dem Uralten. Er ist vor dem blassen Nebelsee wie die Faltenmassen und wie die grauen Millionen Runzeln von einem Greis anzuschaun.
Bald ein Grübeln, bald ein Drohen, bald ein Schmunzeln, Hunderte Gedanken sich aus- und einschalten in seinem Geäst,
Und vom einst schwungvollen Leib steht da nur noch ein Rest. Die Linie seines Gesichtes und seiner Gestalt ist längst verwischt,
Nur der Lebensinhalt, wie ein Rätsel verschlungen, als Faltenwelt vor deinen Augen sich mischt. Der See ihn stetig mit seiner Stimme umzischt,
Fast bis an seine Wurzeln die Seewellen laufen, und dichte Haufen von Laternen aus Stein pferchen sich auf dem Platze unter dem Baume ein.
Weiße Papierstreifen, mit Gebeten beschrieben, schweifen an den Baumzweigen, die Andenken mancher Andächtigen, die, im Winde wehend, dem Baumgott als Andachtopfer blieben.
Selbst der Frühling saß dem Alten noch jung in seinen Astfalten und Blitzhieben. Seine äußersten Reiser frisches Jahresgrün trieben,
Denn der Alte hatte es noch nicht verlernt, in den Frühlingsnächten die Sehnsucht zu lieben.

 

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