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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 280
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Fahrt zum See Biwa

Ich fuhr eines Morgens von Kioto über die Sanjo-Brücke der Hügellandschaft entgegen. Der endlose Frühjahrsregen wurde mein Kamerad,
Er war meiner hitzigen Einsamkeit Bad. Die Sanjo-Brücke mit ihren roten Holzpfosten und kleinen gekupferten Kegeln lag im toten Morgennebel.
Regenschirme und klappernde Schuhe kamen von Westen und Osten; wie bewegliche Nebelstücke waren die Menschen auf der breiten Brücke,
Und der Morgenhimmel darüber braunrot wie Eisen im Verrosten. Die Brücke ist wie eine Spule, darüber sich Viele drehen.
Viele kleine Kinder gingen zur Schule, viele Lastträger, die gebückt vor sich hinsehen, heben an Bambusstäben Kessel und Ballen und laufen und springen,
Und es ist ein Vorwärtsstreben von Menschenhaufen und klappernden Schuhen, die ihre Unruhen in den nebelnden Morgen bringen.
Mein Rikschamann har einen Mantel aus gelbem Stroh an, und seine Strohsandalen springen vor meinem Wagen und schlagen Schmutzstrahlen auf in unermüdlichem Lauf,
Bis wir draußen unterm hellen Tag ins Landschaftsgrün dringen. In nassen Erdfeldern, vom Regen umschauert,
Lag manches Strohhaus, wie ein Hase eng zusammengekauert, und besah sich die Straße, die wie eine Gosse schwamm, und den triefenden Erddamm.
Meinem Rikschamann das Wasser durch den Halskragen floß, daß seine dunkelblaue Leinwandhose ihn wie eine Fischhaut anliegend umschloß.
Er hat mir trotzdem noch gutes Wetter laut prophezeit, doch weit und breit standen die Wolken wie Bretter. Unter den Hüttendächern sich die Zwerghühner verregnet zusammenfanden,
Und es war, als wollte die Sonne niemals mehr durch den Regen landen. Bei einem alten Bauernrasthaus,
Das wie eine Scheune offen am Waldweg lag, ruhte ich aus. Dunkles Alter füllte drinnen die Balken mit Gebräune,
Und zwischen Herden und Trögen und steinernem Gezäune war eine uralte eingemauerte Quelle, die den Herbergraum kühlte.
Sie nahm den Ehrenplatz ein mit ihrer sprudelnden Helle, als sprach sie da in den Tag hinein auf dem Ehrensitz in der weiten Hauszelle
Und redete dort an der toten Urahnen Stelle. Und die Leute im Haus, das voll Landgeschäft und voll Landarbeit lag,
Lebten um den plaudernden Wasserplatz mit jahrhundertaltem Behag. Der Morgenregen, mein Kamerad, der mit mir gekommen,
Kam auch mit seiner Wassermusik draußen aus allen Dachrinnen, wie ein Straßensänger, vor das Haus geschwommen,
Und die beiden Wasser, drinnen und drauß, sprachen sich aus, und es wurde mir zuletzt jedes Wort genommen.
Ich trank meine winzige Teetasse leer, und mit dem bittern Geschmack vom japanischen Tee auf der Zunge, fuhr ich aufs neue in den Regensee.
Der Regen aber lief nur mit kurzem Sprunge auf gut Glück noch ein wenig hinterher, bis sein Lied am Ende war,
Dann blieb er zurück, und der Tag wurde klar wie . ein Silberstück. Im Weiterfliegen sah ich vom Wagen,
Als hatte mir einer mit der Faust ins Auge geschlagen, blutrot einen Garten erscheinen. Von allen seinen Blättern hatte keines ein anderes Licht als Rot,
Rot, hell und dunkel, in allen Schatten, rot in jeder Schicht, rot wie ein Rubingefunkel; am Boden stehen rotes Schiefblatt und rote Azaleen,
Ohne einen grünen Halm zu sehen, darüber die Bäume alle hochrot voll Scharlach und Purpur sich blähen.
Rote, junge Ahornblätter, die im Frühling über ganz Japan blutrot aufgehen und wie brennendes Herbstlaub wehen.
In diesem roten Garten, wo noch der Staub und der Schatten rot erscheinen, standen die Blätter wie Menschenhände vor die Sonne gehalten,
Als siehst du lebende Blutrote durch Menschenadern ziehen; als böte einer dem Frühling alles Blut,
Damit dieser Gärten und Blumen aus seinem roten Blut aufbaut für das Mädchen, dem er gut: einen roten Brautgarten für seine Braut,
In den kein Schatten ergraut hineinschaut.

 

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