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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 277
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Beim Daibuts von Nara

Einen Hügel ansteigend in die freien Waldungen hinein, lösen sich der Steinlaternen dichte Reih'n. Ein Wasserquell sprudelt über Moosblöcken;
Wie ein Erzähler lebt er laut, spricht vor sich hin an jeder Stell' und plaudert zu den umstehenden Zedernstöcken.
Durch das Laubdach jetzt ein Regentropfen nach dem andern fällt, als ob der Himmel herein will in die vereinsamte Baumwelt.
Ein grasiger Hügelkopf erscheint, der Kagisugaberg ohne Baum, für den Wanderer ein grünes, mächtiges Graskissen im Waldraum.
Dann in den Waldschlund bergab geht der Weg in einen Talgrund. Dort im Tal liegt offen nahe der Ebene aussichtsreichem Saal
Der rote Todayitempel; dort lebt ein Riese, ein Einsamer, ein ungeheuer Daibutsbild in des Tempels gewaltiger Balkenkammer.
Das lange Tempeldach ruht auf mächtigen, gedunkelten Zedernbohlen, als Dachträger ragen geschnitzte Wolken, die das Dach tragen,
Hölzerne Wolken, blutrote, gerollte, als ob der Himmel das Dach hochheben wollte. Von einem Platzregen in die Flucht geschlagen,
Flohen mit mir aus dem Wald die Pilger alle zum Riesen hinein in die dunkle, riesige Tempelhalle, und draußen sanken Donner und Regen nieder mit dröhnendem Falle.
Wie grau bemalt, lagen draußen Steine und Rasen in der Regengewalt, vor den hohen, offenen Hallentüren, vor der vergoldeten Gottgestalt.
Unter dem Donnerbeben dachte ich: »Würde hier mein Leben beim Daibutsriesen unter einem Blitzschlage abschließen, ich wäre wie eine Ameise ergeben.«
Winzig stand ich neben dem Gottkoloß, der saß auf dem Riesenkelch eines Lotos, der Leib und die beiden Schultern wie ein goldenes Schloß
Und mit einem Kopf wie die größte Sturmglocke groß. Indessen draußen das Tempeldach von Regenmassen überfloß,
Saß der Gott gelassen hier seit manchem Jahrhundert trocken mit seinem Kopf voll vergoldeter, kurzkrauser Locken,
Bewundert unter Atemstocken von hundert und hundert Pilgern, die mochten alle gern an seiner Stelle hocken,
So wie er, unerschrocken vor Donner und Blitzhelle. Menschenfurcht hat diesen Riesen geboren, gab ihm seine Größe
Und erbaute ihm diese gewaltige, dunkle Balkenzelle, hat sie mit einer Riesenelle bemessen,
Menschenfurcht, die jeder zur Welt mitbringt, jeder der vergessen, wozu ihm das Blut nach dem Herzen drängt.
Wozu gut? Daß er nichts Feiges tut. Wozu bestimmt?
Daß sein Herz diese Welt wie ein goldener Riese auf den Arm nimmt,
Daß Liebeshitze ihn durchglimmt und ihn Herzenskälte ergrimmt.

 

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