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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 275
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Arashiyama-Stromschnellen

Ganz nah bei Kioto beginnen die Stromschnellen von Arashiyama. Dahin geht wie zu einer Wallfahrt aus der Stadt
Zur Kirschenblüte jeder, der Augen im Kopfe hat. In einer breiten Ackerebene fließt dort der Fluß, bewässerte Reisfelder säumen seine beiden Seiten,
Gelbe Strohhütten, Felder und ferne tintenblaue, zerstreute Wälder. Ich ging im Morgen dort und atmete mit Genuß,
Meine Augen folgten mit Siebenmeilenflügeln dem breiten, grauen Wasserstrom, dem Necken seiner kecken Wirbel und seinem Schuß durch erdige Landstrecken.
Die Reisfelder lagen noch ohne Grün, wie dunkle, rauhe Pferdedecken; Gruppen von Immergrüneichen wehten und Gruppen verbogener Kiefernwipfel, die sich in die Lüfte drehten.
Japanische breitköpfige Bauernfrauen, jede hatte ein Kind auf den Rücken gebunden, folgen dem Fremden, den sie sich lachend beschauen.
Am Ufer, im hechtgrauen Wasser, faßten große, viereckig gezimmerte Kähne gleich hellen Sargkasten die Lasten von vielen Personen;
Auf einem Stuhl sitz ich im Boot, Bootsleute an beiden Bootsenden, mit langen Stangen in den Händen, stoßen vom Ufer ab und hasten die schnellen Wasser mit mir herab, die nie rasten.
Die weite Ebene zuerst noch dem Strombett mächtige Breite gab, dann engt es sich ein. Zwischen Waldhügel gedrängt und zwischen Bergfelsen gezwängt,
Sprengt das Wasser Felsstücke und jagt, wie mit Schaum im Maul und ohne Zügel, jede Welle wie Gaul bei Gaul, durch die Tallücke. Bambuswälder, Föhren und Eichen halten auf den Hügeln an in grünen Gestalten;
Das klare Wasser rast vorbei, geschärft, als will es mit Beilhieben nach links und rechts den Weg sich spalten. Nach einer halben Stunde tritt es aus dem Waldtal, wie aus einem grünen Tor,
In eine weite Ebene hervor, fließt sanft ohne Hast, und seine Fläche steht still fast, wie von Erschöpfung verglast. Dort sind die grauen Kieselufer und Kieselbänke von winzigen hellen Holzhäuschen eingefaßt.
Jedes Haus ist eine Teeschänke zur beschaulichen Rast. Dort sitzen in Gruppen, die Beine verschränkt, auf roten Decken, wie weiße Porzellanpuppen, geschminkte japanische Frauen,
Kinder und Männer, welche das flache Kieselbett überschauen, wo die rosigen Wolken der Kirschblüte vor den grauen Kieselsteinen aus den grünen Uferwäldern scheinen.
Die Teehäuser sind mit Reihen von roten Tuchstreifen behangen, darauf mit weißen Lettern die Namen der schönsten und berühmtesten Hetären prangen.
Denn nicht allein die rosigen Blüten der Kirschenbäume sollen den Träumern Genüsse gewähren; auch die Namen deren, die das rosige Feuer der Sinne hüten,
Die dem Volk teuer und lieb geworden, – ihre Namen reden wie große Gewinne hier an der Frühlingsstätte mit den Kirschenbäumen um die Wette von Wollust und Minne.

 

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