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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 274
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Kiototempel

Die Welt von Kiototempeln zu besingen, die in der Nähe des Palastes und über dem Fluß auf den Hügeln und im Land in den Feldern um Kioto
Ihre mächtigen grauen Dächer über den roten Erdgeschossen schwingen, damit müßte ich meine Lebenszeiten zubringen, um alle Kostbarkeiten in Worten auszubreiten.
Ich will nur einige Seltsamkeiten aufzählen, von den alten und neuen Wundern einige wählen.
Ähnlich wie der Kaiserpalast, ist auf den Hügeln über dem Fluß ein roter Tempel, der Gemächer für den Kaiser umfaßt, wo sich die Kaiserfamilie zurückgezogen zur Andacht und Rast.
Die Dielen, die durch die Gemächer führen, sind so alt, daß ihr Holz zu singen beginnt, wenn deine Füße im Gehen dran rühren; flötende Töne entstehen und singen, die wie Nachtigallenlaute klingen.
Der Japaner nennt auch Nachtigallendielen diese Holzplanken, die wie Vögelchöre aufspielen. Drinnen in den Goldpapiergemächern wohnen unter den Holzbalken
Gemalte Geier und Falken; sind Zimmer voll Reiher und Zimmer voll Wasserfällen, Zimmer voll Kirschblütenbäumen mit rosigen Ästen auf Goldschimmer.
Auch ist da ein Gemach, wo viele graue Sperlinge in Reisfeldern plauschen; eines, wo an den Wänden gemalte Meereswellen schaumtriefend aufrauschen;
Eines, wo die weißen Blüten der Pflaumenbäume zerflattern; eines, wo Wildgänse scheinbar in Scharen watscheln und schnattern;
Eines, wo große Panther und Tiger aus vielen Winkeln hervorfahren; eines, wo weiße Kätzlein unter blühenden bunten Päonien spielen;
Und endlich eines, wo die Wände sich kaum zu atmen und schnaufen getrauen, wo einst die Köpfe der Feinde abgehauen
Dem Kaiser zum Beschauen in blutigen Haufen vor die Füße hinfielen. Und draußen um die Veranden laufen Gärten mit Zwergbäumen und Lotosteichen,
Die winzigen Glastischen gleichen; da sind auch Gemächer mit brauner Sepia bemalt, mit vielen Blumen, Tieren, Steinen;
Auf ihren Dielen erwartete man in den Nächten des Mondes blaufüßiges Erscheinen. »Mondrasen« hießen diese in Mondnächten geöffneten Sepiastuben,
Wo die farblosen braunen Sepiabilder sich vom Mondschein beleben lassen und der Kaiser und die Kaiserin zur Taustunde, der feuchten,
Darinnen sitzend, aus dem Garten das Aufleuchten des Mondes erwarten. –
Ein anderes Tempelgemach am Fluß lag, dessen Dach ist so lang, daß darunter auf einem Wandelgang die Bogenschützen sich im Pfeilschießen üben.
An des Gebäudes Ende ist die Scheibe, und die Schützen stehen am Anfang, und alle Pfeile flitzen am Tempel entlang.
Drinnen mit goldenem Speer bei Speer, am Haupt umgeben von goldenen Strahlenspitzen, sitzen fünfhundert Götter als Kiotos goldenes Kriegerheer.
Wird die Stadt mal von Feinden bedroht, rücken in höchster Not die goldenen Gottheiten aus, und alle fünfhundert streiten und jagen die Feinde nach Haus.
Nichts mehr den verwundert, dem die Sagen mehr erzählen, als die Lebenden ein Leben lang erfragen; denn die größten Wunder:
Geburt, Liebe und Tod brennen täglich vor dir ab wie Zunder; und warum fragst du nie, wenn einer kam, liebte und verblich,
Sind diese drei Wunder unwahr oder wirklich? –

 

In einem andern Kiototempel sind polierte Lacktonnen aufgestellt, die enthalten die unzerreißbarsten Taue der Welt.
Als man das Gerüst des Tempels aufbauen wollte, da boten die Frauen von Kioto ihr schwarzes Haar zum Flechten von fußdicken Tauen dar.
Neunzehn schwarze Taue entstanden, und an diesen wanden die Männer die Balken zum Bau empor.
Keine hanfenen Fäden sich beim Tempelbau befanden, nur die geflochtenen Haare der japanischen Frau allein den mächtigen Bau zusammenbanden.
Ich hob ein Tauende in meine Hände und fand es so zäh und rauh, als ob die Frauen, denen es angewachsen einst war,
Ihre Liebessehnsucht mit ins Tau einflechten ließen; und jedes Haar war fest wie die Sehnsucht, und es ist nicht ein Tau zerrissen. –
Vor demselben Tempel ein blühender Kirschenbaum war, der stand breit und rosig groß, als wär' er von Bäumen eine ganze Schar.
Und man sagt, jedesmal ein Wasserstrahl aus seinen Wurzeln schoß, war das Tempelgebäude in Brandgefahr.
Unzählig sind die Legenden der heiligen Bäume, der geweihten Tiere, der Steinlaternen, der bronzenen Glocken, die wahrsagen mit ihren Tönen,
Der bronzenen Stiere, die heilen können, all der wunderwirkenden Bilderwerke. Denn die Japaner wissen, daß es kein Ding gibt, das im Weltall entsteht,
Bei dem nicht Freudenstärke oder ein Leid mitgeht. Auch kein totes Ding im Weltenverein ist so klein, daß es nicht ein Sehnen wie ein Liebender hat und ein liebend Dasein.

 

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