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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 271
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Im Kirschblütentheater in Kioto

Am Spätnachmittag fuhr ich durch die Straßen von Kioto zum Kirschblütentheater. Aprilhimmel hat Regenmassen unablässig rauschen lassen;
Ich sah grau die Häuserbuden und Regenwolken nur, die sich darüber entluden, von Kirschenblüten nirgends noch eine Spur.
Viele Rikschas rannten denselben Weg an den Straßenkanten; viele von Regenschirmen überspannte japanische Damen
Mit kreideweiß gepuderten Gesichtern und rotgeschminkten Wangen daherkamen; sie waren Schauspielerinnen, die eilten auf klappernden Holzschuhen
Enge Gäßlein entlang, wo lustig Regendach bei Bach von jeglichem Ziegeldach sprang. In einem bambusvergitterten Hof stieg ich aus,
Drinnen lag das hölzerne, unscheinbare Theaterhaus; das öffnete seine Pforten nur einmal im Jahr,
Wenn die Kirschblütenschar als Schauspielerin lächelnd eingezogen war und rings im Bogen um Kioto bei jedem Luftzug die Kirschblüten rosig durch die Tempelgärten flogen.
An der Kasse im Vorraum wartete die Zuschauerschar, denn der Eintritt ins Theater nur truppweise war,
Geduldig und leise, Schritt um Schritt; es wurden immer kaum dreißig gebeten, in den Teezeremoniensaal zu treten.
Hier war zuerst zum Empfang Teezeremonie. An den Wänden entlang, in einem weißen Saal aus Papierrahmen,
Kamen auf Bänken immer dreißig mit dem Rücken zur Wand an niederm Tisch hinzusitzen.
Dann erschien des Hauses vornehmste Schauspielerin, den schwarzen Kopf geschmückt mit einem Kranz von großen Haarpfeilen,
Die wie ein goldenes Gerüst im Haar sitzen; an den Pfeilen baumeln glitzernde Goldlitzen.
Der Dame tiefdunkel Purpurgewand besprühten Stickereien von goldigen und rosigen Kirschenblüten.
Ihre Schleppe trug eine Gruppe von sechs winzigen Kindern, jedes wie eine winzige Purpurpuppe. Sie alle grüßten einen jeden der dreißig im Vorübergehen;
Kamen in den dämmrigen Saal mit kleinen Kerzen in der Hand, und ein Klingeln und Knistern von Goldlack-Ketten, von Talismansteinen und Seidenfalten entstand,
Und es ging und schwand ein Wehen von Weihrauch und Balsam. Die geschminkten Kinder mit den Haaren, tief in die Stirn gekämmt,
Sangen lange Gedichte wie alte Gebete und trippelten vorüber, in die Purpurseide gewickelt, wie kleine rote Pakete.
Und mit dem Gedichtton, mit Trommeln, Gong und Kerzenlicht zog die rotgoldene Festprozession dreimal durch den halbdunkeln Saal,
Beleuchtet vom Goldgeflitter und der Seidenfäden prunkendem Gezitter. Dann verstummen die genäselten Lieder,
Bei einem Wandschirm kauert die Schauspielerin auf einer Bambusmatte nieder; sie hantiert über dem Kohlenbecken mit Ruhe und Rast
Und schickt zwei und zwei, die Kleinen, mit einem irdenen Teller, darauf eine Reiskugel liegt, hin zu jeglichem Gast.
Die Kleinen verneigen sich mit dem Kopf auf die Brust, erzeigen Ehrfurcht und einen Vers sie einem jeden singen, dem sie die Reiskugel bringen.
Sind die dreißig versorgt, ist die Teezeremonie beendet, und zum Kirschblütenfest erhebt sich die Schauspielerin, die mit den Kindern tief grüßt und den Saal still verläßt.
Nachdem alle die Reiskugel aßen, waren alle dreißig entlassen; dann trat man durch eine schmale Tür, breit für einen einzigen kaum,
Über Holzbrücken, im Hof, hinein in den Theaterraum, wo schon viele Zuschauer, wartend auf den Matten, im rosigen Lichtscheine Platz hatten.
Hier in dem Vierecksaal nahm eine Seite die Bühne ein; auf den Seiten, zur Linken und Rechten entlang,
War schmal ein Empor. Dort hockten am Boden neun Mädchen als Musikantenchor mit Trommeln, Fiedeln, Gong und Gesang;
In rosig und blauer Seide, neun Mädchen zur Linken entlang, neun Mädchen zur Rechten.
Viel rosige Papierlampen und elektrische Glühlichter brannten, und rosig und himmelblau bespannten sich alle Wände mit Seidentüchern,
Und Kirschenblütenzweige hingen über der Bühne, und rosig war beleuchtet der Theaterraum, wie ein einzig blühender Kirschenbaum.
Ein Gong tönt an, und die Trommel- und Lautenmusik der rosig und blau gekleideten Musikantinnen begann.
Die Lautensaiten lallen, als ob aus den Lüften, den weiten, wie flaumige Federn die Kirschblüten fallen.
Die kleinen Holztrommeln tönen, Holzstäbe mit Taktschlägen klappern, als ob Quellen glucksen, als ob selbst Holz und Steine sich freudig regen,
Und gesellen ihr Lied zum Aufschwellen der Kirschenblüten und zu der Kirschenäste Wiegen. Und die achtzehn Musikantinnen singen,
Als ob ihnen gemurmelte Herzenswünsche halblaut von den Herzen entfliegen. Indes ihrer Instrumente Chor, wie Bienengesumm eines Kirschenbaumes,
Einlullte dein Ohr, tritt auf jeder Seite, auf dem Empor, ein Zug blau und rosig gekleideter Mädchen hervor.
Die ziehen an den Lautenschlägerinnen vorbei, dehnen schrittweise langsam ihr Gehen und heben und senken sich auf den weißseidenen Strumpfzehen.
Jede trägt einen winzigen Fächer aufgeschlagen, und mit ihren zagen Schritten, bald gesenkt, bald gehoben, nur langsam von dem Takt der Musik sanft vorwärts geschoben,
Begegnen sich von beiden Seiten mit leisem Tritte die zwölf von links und die zwölf von rechts in der Bühne Mitte.
Immer eine kniet, und um sie dreht sich eine andere, und so entsteht von vierundzwanzig Mädchen ein wiegend Gewandere.
Hinter ihnen auf der Bühne verändert der Wandschirme Bild, verschieden gestellt, der vier Jahreszeiten wechselnde Welt.
Erst ist es Sommer, einheitlich grün, mit weiten Wiesen und Bergen; dann Herbst, und rötliches Laub fällt; dann Winter mit silbernem Schneegeriesel
Und einem kleinen roten Tempel im Schneefeld mit winzigen Laternen, Mond und Sternen; dann endlich der Frühling Einzug hält;
Derselbe Tempelgarten, umgeben von rosigem Kirschblütenleben. Nicht höher als bis an die Knie reichen die Tempel, die sich rundum im Hintergrund bauen,
Zu den Füßen der kleinen, tanzenden Frauen, so daß die, welche zuschauen, glauben, daß das Tempelland meilenweit fernstand.
Die blauen und rosigen Mädchenfeen wechseln im Tanz nur die Fächer, mit denen sie wehen.
Die japanischen Fächer stehen im Sommer fest, sind im Herbst und Frühling zusammenzuklappen,
Indes die Frauen im Winter fächerlos, mit ölgetränkten Schirmen, bloß durch Schnee hintappen. Sonst ist kein Ändern zu sehen
Als nur die Schritte und die Musik und die Mädchen, die bescheiden und ländlich kommen und gehen und wie die Jahreszeiten lächelnd und schwärmend vorübergleiten.
Der letzte Takt der Kirschblütentänze ist das zierlichste Drehen, das zärtlichste Sich-in-die-Augen-sehen,
Das spielendste Winken und Wehen mit rosigen Zweigen, bis zu den Fußzehen tiefstes sich Wiegen und Neigen.
Seidene wattierte Schleppen schleifen, und jedes Mädchenköpflein will unter den Kirschenblütenzweigen sich selbst als die rosigste Blüte zeigen.
Es tanzen nicht Mädchen und Blumen allein, es tanzen die Flöten und Trommeln und Geigen,
Bis bengalische Feuer die Bühne röten und die Kirschenblüten von den Bäumen allen als geschüttelter Regen zur Erde fallen. –
Dann zieht sich über den Bühnenrahmen der Vorhang zusammen. Die Musikantinnen gehen, indes die Schauenden noch lang beim Heimgang durch den Theaterhof,
Wo im Regenfinstern fahrige Pechbrände wehen, auch noch in der Nacht mit geschlossenen Augen die rosig regnenden Kirschblüten sehen.
Die rotgelben Pechbrände im Hof kann ich nicht vergessen, die wollten, wie Raubtiere, den Träumenden die Träume auffressen.
Doch viel zu tief ist das Bild der Kirschblüte in mir gesessen; fest standen für mich auf immer Kiotos Tempelkirschgarten mit ihrem lieblichsten Mädchenschimmer.
Aber nach einer Weile sprach es in mir: Es war dies doch nur ein armer Frühlingstanz hier, –
Aus Theaterschminke, Seide, Blüten aus Papier und bengalischem Feuer zur Augenweide.
Denn was hilft die Reise zu Kirschblüten in einem fremden Lande dir, streichst du dort heimwärts nachts, einsam wie eine Eule, über die Heide,
Und deine Sehnsucht geht neben der Hochzeit der Blüten im Armenkleide.

 

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