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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 266
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Osaka

Osaka, die Strom- und Meerstadt, empfing mich wie eine einzige, riesige Werkstatt. Dicht liegt Haus bei Haus;
Schornsteine und Kamine ragen in den Nebel hinaus. Der Regen hatte die Dächer, die Brücken und die unendliche Strombreite mit Nebel beschlagen;
Meer, Nebel und Dampf hüllten die Uferseite, aber in all dem Nebelkampf lagen doch noch japanische Freundlichkeiten
Über all den grauen, einstöckigen Häusern, die ihre Dächer wie eine unendliche, graue Ziegelwüste über die hölzernen, grauen Schubfächer der kleinen Zimmer breiten.
Unterm Regen gingen die Japaner, rund umgeben von ihren ölgetränkten gelben Papierschirmen, hell beleuchtet wie von einem Sonnenrad,
Indessen sie die Schlafrockkleider über die Knöchel heben. Und jeder humpelte und klapperte auf seinen Holzsandalen eilig über den regenplätschernden Straßenpfad.
Die Zinndrachen der Dachrinnen spieen ihr Wasser in die Straßen herab, und viele laute Kaskaden sprangen lustig von allen Hauszinnen.
Als hätten die Hausdächer unter Lachen zu einem Wasserspiele ihre Rachen geöffnet und nähmen sich die Vorübergehenden zum Ziele.
Ich trat unter das Dach eines Satsumamalers, stieg einer winzigen Treppe nach und freute mich in dem kleinen Werkstattgemach an dem emsigen Meister und seinen Kunstgesellen,
An jenen winzigsten, kostbaren Bildern, die sich nur unter dem Glas einer Lupe herstellen. Ich sah, wie die nur punktgroßen Schmetterlinge und Fliegen
Und ihre bunten Flügeldecken und Füßchen entstehen; sie sind auf der Innenseite von winzigen Porzellannäpfen mit dem bloßen Auge kaum zu sehen,
Als ob sie sich in den gekratzten Rissen und in den absichtlichen Sprüngen der Porzellanhaut in bunten Schwärmen zu verstecken wissen.
Auf einem einfachen Kissen auf den Bodenmatten, am Fenster entlang, saß jeder Maler lautlos wie sein eigener Schatten,
Und eine Lupe war vor ihm angeschraubt, darunter entstanden, von Gold und winzigen Farbpunkten bestaubt,
Die wimmelnden Insekten, die deine Augen auf dem Porzellan kaum entdeckten. Auch alle Vorlagebücher sah ich an,
Die sich in der Malerfamilie vererbten seit manchem Jahrhundert, wobei dein Herz still die japanische Lust an alten Traditionen bewundert.
Ich trennte mich schwer von dem kleinen Dachzimmer, wissend: von ihm aus ging der Schimmer einer kostbaren Kunst rings um die Erde her.
Hätte man die Kammer – sie war wie jedes Gemach in Japan außer den Malern ganz leer – angefüllt mit dem Heer der goldglimmenden Fliegen und Schmetterlinge,
Die schon von hier aus in die Weltluft gestiegen, man könnte nicht in dem Hause schnaufen, so dicht müßte dort die Luft von Insektenflügeln voll bis unter die Dachtraufen liegen.
Der Regen tropfte schwach an die papiernen Scheiben; ich konnte mich nur schwer aus dem uralten hölzernen Arbeitsraum fortbewegen,
Wollte gern hier bleiben und niederkauern, bescheiden in den Holzmauern, und die Welt draußen meiden im Freien;
Ließ gern die Dachtraufen draußen ihren Schaum speien und wollte zuschauen, wie im Traum hier die Goldpunkte der Käfer und Bienen entstehen;
Inzwischen würde unterm grauen Nebel die Erde sich drehen, ohne daß die Augen sehnsüchtig auf Jahre sehen, auf Tage oder Stunden.
Ich habe aus diesem fleißigen Haus nur schwer den Weg weiter unter dem Heer der Dachtraufen fortgefunden.

 

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