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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 264
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Am Nunobikiwasserfall bei Kobe

Ich ging am nächsten Tag, noch das Schauspiel vom Abend vorher im Sinn, auf den bergigen Wegen im Hintergrunde von Kobe hin.
Da war mir, als ob ich gestorben bin, und mein Leib ging geistlos, und abwesend war mein irdisches Auge, stets in der Vergangenheit lesend,
Und sah zurück nach dem Schauspielerweib, das wuchs riesengroß, nahm Städte, Meere, Berge wie ein Kind auf ihren Schoß,
Ließ es nicht mehr los, und die Berge und Bäume und alles, was ich erblickt, lagen vor diesem Weibe, wie von einer riesigen Schlingpflanze eng umstrickt. –
Ich kam in ein Berggedräng, da war ein Weg; wie ein Parkpfad im Grünen stieg er hinauf, fern vernahm ich ein Donnern.
Als kamen Lawinen kopfüber im Lauf. Eine senkrechte grüne Schlucht tat sich zwischen Bergbuckeln auf,
Dort stürzte, wie ein schaumiges Tier, ein Wasserfall aus dem Felsenrevier, der sich, wie ein Stier mit weißem Horn, aus Felsentor und Walddorn
Den Weg im Sprung aus der Höhe kürzte. Im Laubengang zwitscherte Vogelsang, schiefes Farnkraut wuchs am Abhang zuhauf,
Spannt' sich über die naßdunkle Erde auf; und wie eine Bühne hing eine Bambusbrücke, eine kühne, quer über das Tal vor des Schaumes Säule am Wasserfall her.
Und ich verstand im Wasserschall die Worte meiner Gedanken nicht mehr, als an der Brückenpforte ein Hüttlein mich aufnahm,
Ein Teehaus, zu dem ich kam; das saß am weißen Wasserfalle, wie eine Fliege am weißen Kleidersaum.
Auf der verdeckten Brücke war hier der Zuschauerraum, von wo aus das Schauspiel von Sturz und Donner und Schaum die Menschen entrückte.
Ein Schwarm von blühenden Kirschenbäumen hing dem grauen Felsen im steinernen Arm. Die Kirschenblüten vor den Wasserkaskaden waren wie rosige Wolken, die am Abhang baden.
Die überdachte Bambusbrücke schwankte leicht mit stetem Zittern mit ihren dünnen Bambusrohrgittern, als ob auch hier wie im Theater die Furcht im Schrecken den Zuschauerraum beschleicht.
Neben mir saßen Pärchen von Japanern und Japanerinnen auf ausgebreiteten roten, wollenen Decken und schienen hinter ihren papierenen Fächern von aller Furcht unerreicht;
Saßen bei kleinen Teeschalen, winzigen Kuchen und winzigen Blumensträußen, lispelnd und wispernd gleich knuspernden grauen Mäusen.
Ich ließ den kühlen, weißen Nunobikiwasserfall sich eine Weile kopfüber vor mir zwischen die rosigen Kirschblüten einwühlen, ließ ihn die Nachtbilder der Theaterstraße fortspülen
Und atmete auf der Brücke, trotz dem Donner von tausend Mühlen, wieder friedlich theaterlos bei Pflanzen, Steinen, Wassern, bei kleinen japanischen Verliebten
Und baute mir aus meinen Frühlingsgefühlen für mich und meine ferne Liebste der Zukunft schaumiges Luftschloß.

 

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