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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 260
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Rückkehr aufs Schiff

Am Spätnachmittag trafen sich alle, die vom Schiff ausgestiegen, wieder im Nagasaki-Hafen, um noch eine Nacht auf dem Meer zu schlafen.
Denn der Weg nach Kobe ging bis in den Morgen hinter der Inlandsee her, ins Herz von Japan hinein, vorbei an morgenlichtblauen Inseln durch perlmuttfarbene Meergassen,
An denen unter den Kiefernwäldern bei den Meersteinen, im feinen gelben Sonnennebel die kleinen, japanischen blassen Papierstädte saßen.
Im Frühlicht sahen sich Himmel und Inseln und Bäume an wie durchsichtiges blaues Porzellan, und nach einer Tag- und Nachtfahrt
Trieb mein Schiff an die Küste der Stadt Kobe heran. Dann habe ich hier des fünften Meeres Wassermassen verlassen.
Ich trennte mich nicht schwer vom schwanken Wasserhorizont, dem wenig Wirklichkeit und nur die Wolkengassen auf dem Rücken saßen.
Doch ehe des Schiffes Lichter fort aus dem ruhigen Wasser von Nagasaki im letzten Meerabend zogen, habe ich noch ein Zwiegespräch mit einem kleinen, japanischen Handspiegel gepflogen.
Das Allerheiligste in einem japanischen Shintoschrein schließt gewöhnlich drei Dinge ein:
Ein Schwert, das ist die Gerechtigkeit; ein Kleinod, das ist die Schönheit; und einen Spiegel, der zeigt dir die Gottheit, –
Denn siehst du in einen Spiegel hinein, erkennst du dich selbst und in dir die Göttlichkeit. – Diese drei Dinge regieren seit Väterzeit, ohne Geschrei, das japanische Land. –
Am Bord fand ich am Abend noch Scharen von Verkäufern mit Nagasaki-Schildkrotwaren, und einer von ihnen legte vor mich einen Handspiegel hin.
Und eine goldne Abendwolke, die sich über dem Schiff aufbaute, mir aus dem Spiegelglas wie meiner Liebsten goldnes Haupt entgegenschaute.
Der Spiegel saß in dicker, goldbrauner Schildkrotschale, ich konnte ihn nicht hastig genug mein nennen und eilte mich und bezahle
Und glaubte, die goldene Wolke würde sich jetzt nie mehr aus dem Spiegelglase trennen. Ich mußte meinen Kopf auf die Brust senken
Und glücklich nachdenken über das Wunder, das geschieht, daß der Liebende sich nicht selbst mehr im Spiegel sieht.
Daß die Spiegel ihn aber nicht vermessen kränken, wenn sie ihn vergessen, weil sie ihm dafür das Gesicht, das ihn anzieht,
Das seine Gottheit ist, in ihrem Glase schenken.

 

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