Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dauthendey >

Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 259
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
Schließen

Navigation:

Ein Kirschblütengarten bei Nagasaki

So muß es den Schwalben sein, wenn sie von Afrika aus der Hitze Brandschein, aus dem heißen Wintersitze einziehen in Europa, in gemäßigtes Land,
Und sie saugen dann die beweglichere Luft der kühlen Gräser, der regsamen Blüten, der feuchten Aprillüfte ein.
Ausgebrannt von den Tropentagen, fühlte ich hier in Japan meine Lunge von frischen Atemzügen freier getragen.
Als wurde mein Leib ein Blätterbaum, und mein Herz durfte wieder, der Erde gehörend, Wurzel schlagen; vorher hatte überall nur die Tropensonne Raum.
Ein kühles Lager auf halmiger Erde gab's in erhitzter Tropenwelt kaum. Aber hier grünten kühl um mich die Hügel um Nagasaki
Mit derselben Gebärde, wie in meiner fränkischen Heimat unter spielender Wolken Herde am bläulichen Waldsaum. Ich ließ mich an grünenden Wegzeilen
Vorbei an der Erde Ackerbrüste hineilen, endlich entronnen den Meilen einer unendlichen Hitzewüste. Ich grüßte jeden Weidenbusch,
Der nassen Reisfelder Ackerkrum', den Landwind, das winkende Heckenlaub und jede blinkende Feldblum'. Wie aus Leder und Gummi aufgebaut,
Hab' ich hinter mir im Geist die Tropenwelt geschaut, wo dir stündlich vor den Pflanzenleibern wie vor wilden Tierzähnen geheimnisvoll graut.
Keine feuchte Wolke fliegt dort im Schwunge wie eine leichte Schwanenfeder vorüber; der Himmel ist dort immer ein Schlund,
Der rot und rund geöffnet liegt, und die Sonne ist eine rauhe Feuerzunge.
Mein Rikschawagen hat mich am Nachmittag hinauf in die Hügel über Nagasaki getragen. Ich sah über winzige Felder, die wie ein grünes Maschenwerk lagen;
In den Berggruben und Berggrübchen, in die kleinsten Ecken aufgeschlagen, wie kleine grüne Stuben, lagen überall die Äckerlein hinter Graben und Hecken.
Es gab keine gewaltsam geebneten Feldstrecken; winzige Äcker haben die Erde bedeckt in allen Winkeln und Verstecken.
Das Gesicht der Erde war dadurch natürlich und wellig geblieben, weil die Japaner nicht gern auffällig die Züge der Erde verschieben.
Zeit, Bescheidenheit und Emsigkeit, diese drei Worte standen überall in die Furchen der Felder geschrieben.
Diese drei Worte waren im japanischen Reich aller Tage Eingang und Ausgangspforte.
Noch war in Nagasaki manche Bananenpalme vom Süden stehengeblieben, die sich mit den fedrigen, zierlichen Bambuswäldern fremd in die Feldlandschaft schieben.
Aber die Luft roch heimatlich nach Veilchen und nicht nach Sonnenbrand, und jeder Wegrand wie ein blaues Kissen voll Veilchen stand.
Veilchen und Kirschenblüten gingen vor mir her wie gute Geister, wie Kinder, die harmlos springen und meine brennende Sehnsucht mit Heimatgrüßen streichelnd empfingen.
Das Reiskorn stand, wie Gartenblumen mit der Hand gepflanzt, auf hohen Ackerkrumen in langen Zeilen, überall sah man des gebückten Gärtners Hand,
Und nirgends war Maschinenwerk in diesem künstlerischen und insichverzückten, edlen Handwerksland.
Auf den Hügeln hielt ich droben an einem Bambushaus, das hatte unter seinem Ziegeldach die Papierwände, Vorder- und Rückwand, weit aufgeschoben.
Man sah hindurch in den Garten, der hing reich voll Kirschenblüten, als wär er von Morgen- und Abendwolken zugleich rosig durchwoben.
Drinnen im Gemach unterm Dachschatten stand der Besitzer mit seiner Pfeife auf den goldgelben Strohmatten und sah der Bergstraße nach.
Das Haus war, gleich einer Tenne, ein einziger Raum; war von der Straße aus wie ein Rahmen für den Garten, aus welchem Rotdorn und Kirschblust ins Gemach starrten.
Der Besitzer des Gartens ging, als einziger Mensch in dem leeren Hause, hin und her; und als würde ihm das Alleinsein unter so viel Blütenpracht schwer,
Hatte er die Papierwände aufgeschoben, und die Vorübergehenden sahen nachdenklich zu ihm hinein. Der rosa Garten lag da wie ein Bilderrätsel, nicht zu entwirren.
Ich hörte daraus die Bienen ungestüm schwirren und dachte an das Liebesfest der Drohnen und Bienenkönigin, die sich um diese Zeit zu einer Bluthochzeit in die Lüfte verirren.
Seufzend hab' ich mich abgewendet von dieser Last von Hochzeitslust, die auch bei den Blüten mit einem Seufzer endet.
Denn auch die Bäume können nie von Liebe gesättigt sein und sind wie Menschen von ewiger Sehnsucht angefaßt, und geht ihnen endlich die Lebensfülle ein mit der Jahre Last,
Dem ältesten Strunk juchhet noch im Frühling ein blühender Ast.

 

 << Kapitel 258  Kapitel 260 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.