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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 258
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Im Tempel des bronzenen Pferdes zu Nagasaki

Ein Rikschawagen, den eines blaugekleideten Rikschamannes Fäuste anfassen, sprang wie in Ceylon und Hongkong, so auch in Japan mit mir durch die Budenstraßen.
Der Morgenregen hatte nachgelassen, die Sonne kam froh daher und stand wie ein goldener Blendspiegel über dem Meer.
Kreuz und quer läuft der Rikschawagen mit mir durch die friedlichen Straßenreihen, keine Menschen rufen und schreien, keine Pferde stampfen mit den Hufen,
Nur hölzerne Menschenschuhe klapperten und schufen eine Holzmelodie, einförmig aus Tönen in allen Stufen.
Und die regelmäßigen, schönen, geordneten Warentische unter den Ziegeldächern zum Einkauf rufen.
Vor einem blaubronzenen Tempeltor hält der Wagen im Lauf, das Tor besteht nur aus zwei Seitenpfosten und oben quer ein dritter Bronzebalken darauf.
Ohne Türflügel steht das einfache Riesentor immer einladend auf. Ich steige auf breiten Steinstufen empor an einem Bergabhang,
Grünes Gras und Bäume stehen an der senkrechten Bergtreppe entlang. Noch ein paar Tore wie das erste durchschreite ich auf halber Höhe, die stehen wie aufmunternd zum Empfang,
Und ihre drei Balkenscheite sehen wie ein großer Buchstabe in die Weite. Oben unter grauen Ziegeltordächern mein Fuß eindrang, und ich bin in einem Tempelhof,
Der ist eine gepflasterte Terrasse am Bergabhang. Unter wuchtigen Dächern, die gleich Riesenkähnen in die Luft stiegen,
Liegen in roten Lackholzgemächern uralte goldene Reliquienschreine. Davor an einer langen Leine weiße Papierschnitzel über Eingängen fliegen.
Um anzudeuten auch, daß gute Geister hier, baumeln, aus Stroh geknotet, dicke Taue, die sich im Morgenwind hell wiegen.
Auf das graue Hofpflaster sieht der Himmel, der blaue, und es sitzt auf der Mauer der erste rosigblühende Kirschenbaum, als war sein Geäst mit Zucker bespritzt;
Bei ihm blitzt ein Springbrunnenteich, drinnen unter künstlichen Moosfelsen rote Goldfische leben. Das alte Wasser schimmert voll schwimmender Kirschenblüten,
Daneben erheben sich ein paar Teebuden, leicht aus Bambus gezimmert, deren rotwollene Decken auf niederen Tischen zum Sitzen unter die Ahornbäume luden.
Kleine japanische Teemädchen huschen aus den Türen, wohlfrisiert und geschminkt; sie verbeugen sich tief, und manch Händchen winkt.
Der Mädchen Lippe ist nur ein runder Punkt aus Karmin, ihre Augenbrauen Striche aus schwarzen Tuschen. Jedes Mäulchen miaut einen Morgengruß,
Und ihr Köpflein zur Seite gelegt, ist jede wie ein Vögelein, das durch die halbkahlen Buschäste dir zuschaut. Vom Terrassenende siehst du den Berg hinab.
Unten am hellgrünen Frühlingsgelände liegen Nagasakis bläuliche Ziegeldächer nahe der Meerbucht. Wie Fischschuppen blau und dicht ist die Dächerflucht.
Draußen im Seewasser schwimmen die Gruppen von Ozeandampfern und Panzerschiffen, wie Muscheln und Betten von kleinen Puppen.
Der Tempel hier oben ist von den Europäern genannt: der Tempel des bronzenen Pferdes, und allen wohlbekannt das lebensgroße Bronzepferd, das eines Morgens sich im Tempelhofe fand.
Und niemand weiß, aus wessen Hand der Bronzeguß entstand, nicht, welcher Künstler es erdacht, und wer es über Nacht zur Treppe hier herauf aufs Pflaster in den Tempelhof gebracht.
Das Pferd steht schlank, aus Bronze wohlgegossen, frank hingestellt auf einen Steintisch, einen großen, umgeben von den heiligen Steinlaternen,
Tags neben seinem Schatten in der Sonne, nachts wie verschwunden in den Sternen. Und alle, die es vorgefunden, und alle, die es hier betrachtet,
Haben ihm gern ein Stück von ihrem Leben hingegeben, gaben dem Pferde in Gedanken Flügel und dachten nach, wer es wohl hergerufen,
Und ließen es noch einmal ohne Zügel, wie damals in der Nacht, die Bergstufen herauf auf diesen Hügel traben und gehen fort und lassen es dann dort als Bronze stehen,
Und Neue kommen, um es anzusehen, und alle haben mit dem Bronzepferd den gleichen Nachtritt unternommen.
O Menschenherz, du trabst mit allen Wundern gern im gleichen Schritt, liebst es, nimmt dich ein bronzenes Pferd oder dein Herz allnächtlich mit.–
Dieser Morgen erschien mir wie die Kirschenblüte voll Honig und ohne Sorgen, wie die Tempelmädchen, die mir zugeraunt, und wie das Wunderpferd gelaunt.
Ich habe über nichts mehr hier gestaunt, nur über den ersten Kirschenblütenbaum am Tempelzaun und über das erste Grasgrün im Erdbraun.
Das hat mich mehr wunder genommen, als hätten vor mir die Teemädchen selber Flügel bekommen und wären durch die Lüfte fortgeschwommen, wie die Meermöwen über die Meerbucht.
Ich habe nur immer mit jedem Auge die blühende Erde besucht; und als unten an den Bergstufen aus kleinen Teebuden am Bergfuß
Neue Geishamädchen ihren Gruß nach mir gerufen und mit den Augen zum Tee- und Liebesgenuß einluden,
Da erschien mir jeder Pflasterstein im Morgensonnenschein rund wie ein küssender Menschenmund. Und wie alles um mich zum Lied und Reim wurde,
Dachte ich bei einem blühenden Goldregenbusch an meiner Liebsten gelbes Haar daheim, und ich ließ den Rikschamann kaum mehr verschnaufen.
Und ich flog von Laden zu Laden, und ich trat in das schönste Schildkrotlager von Nagasaki ein, um für meine Liebste Arme voll Geschenke zu kaufen.
Prächtige gelbe Schildkrotkämme, jeder mit feinen Drachenschnitzereien, gearbeitet wie eine Gemme.
Ich sah im Geist zwei Handgelenke, die steckten die Kämme vorsichtig in die Haarfülle ein,
Und ich bin im Geist ungesäumt heimgereist, und ich grüßte ihr jedes Haar, das im Licht wie der Frühlingstag am Meer gleißt.
Und ich sah ihren Leib ohne Hülle milchrosig warten, wie der junge Kirschenbaum im Tempelgarten.–
Rief uns nicht manchmal vertraut des Blutes Braut, das Weib, das uns zärtlich anschaut, das Leben wäre uns Männern trotz aller Hast ein Totenleib.
Wer nie einen der sieben Himmel der Liebe erfaßt, der lebt wie im Wurmgewimmel auf einem Leichnam zur Mast.
Wer aber in allen sieben Himmeln der Liebe gewesen, der macht sich des Lebens Noten zahm, der kann die Sprachen aller Dinge,
Der Tiere, Vögel, Pflanzen und das Gesinge aller Herzen lesen und im rechten Takt mit der Gottheit tanzen;
Der kann reimen und stanzen, von der Sehnsucht gepackt, dem kommt das Leben entgegen, umhalsend wie der zärtliche Frühlingsregen,
Dem leuchtet das Herz durch die Kleider feurig und nackt; doch die sieben Himmel sind nicht zu erzwingen,
Und um durch sie hindurchzugehen, muß einer oft sein ganzes Leben lang mit dem geliebten Herzen ringen. Aber der Liebe Kämpfe sind göttliche Schmerzen.

 

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