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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 255
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Erste japanische Eindrücke in Nagasaki

Wir näherten uns neuem Land. Der Himmel, der sonst täglich, gleichwie ein Spiegel, klar gewaschen stand,
Er musizierte endlos jetzt mit Regen leise an des Schiffes Wand, und ich empfand des neuen Landes Gruß mit Wohlgenuß auf meiner ausgestreckten Hand.
An einem Morgen stockte dann des Schiffes Schraube, und unter einer Nebelhaube viel Klippeninseln, ausgestreute, und ausgespannt das Meer, ganz leblos wie gedorrte Häute.
Es war zur frühsten Morgenstunde; allmählich erst hob sich der Nebel über Inseln in der Runde. Vom Nebel wie zerstückt erschienen Schwarzkiefern, weitgeästet und tief in sich gebückt.
Und ein paar große Vögel zogen Kreise; das war der erste leise Anblick von Japan nach der langen Reise. – Mit schwarzer Tusche auf weißes Silber gemalt, erschien der Schwarzkiefern Gestalt,
Und die Vögel, die, ohne zu schreien, im Nebel aus- und einflogen und ihr Spiegelbild dunkel im Wasser nachzogen, erschienen auf der Nebelheide,
Wie japanische Malereien auf Porzellan oder Seide. Und wie auf weißem Papier, bemalte sich mehr und mehr die dunkle Inselwelt im Nebel hier.
Sie zeigte winzige grüne Teepflanzungen, winzige grüne Reisfelder, über Hügelbergen hingestellt; und eine Emsigkeit, wie von Gnomen und Zwergen,
Belebte auf dem Wasser, dem straffen, mit roten Schiffskielen und weißen Schornsteinen und blauen Barken den Hafen.
Mein Dampfer in die lange Bucht hineinschwebte; und so weit man sah, lag eine graublaue, hölzerne Stadt mit grauen Ziegeldächern im Grünen unter den Hügeln nah'.
Die krebsroten japanischen Flottenschiffe atmeten mit ihren Schloten. Und beklettert von Matrosen wie von Affen, machten sich viele ausländische Schiffe im Nagasakihafen zu schaffen. –
Ist es also möglich, daß Träume auf Erden ihre wirklichen Räume haben, wo sie seit Jahrhunderten hinleben in Herden, und wo wir Ungläubigen aufsuchen die Verwunderten?
Auf dieses Land voller Bildergestalten, die sich sonst nur in Goldfarben auf schwarzen Lackkasten in den Schaufenstern der orientalischen Läden zu Hause hinhalten,
Sah ich jetzt, als müßte ich meine Hände um die Hände von alten Bekannten falten. Nächst den gekrümmten, hockenden Kieferbäumen, die den Strand säumen,
Bestaunte ich am Land die kleinen Menschen, die dir große, künstlerische Gedanken schenken, und die in stiller Schar in den Straßen unscheinbar
Auf ihren Holzschuhen klappern wie auf winzigen Fußbänken, zwischen sauberen Bambuswänden aus Bambusstangen und zierlichen Ackergeländen, darinnen rosigblumige Kirschbäume nach dem Märzregen langen.
Nachdem ich das fünfte Meer durchschwommen,
War ich hier zu der emsigsten Volksseele der Welt gekommen, zu Menschen, die nicht mehr in steinernen Gassen bei ungeschlachter Arbeit saßen.
Mit einfachen leichten Buden luden hier die Städte wie Jahrmärkte ein, und wie offene Vogelkäfige aus Matten und Bambusstangen
Standen hier in langen Reihen die einstöckigen Häuser, und drinnen im Schatten lagen offen, ohne Fenster und Glas, aufgestapelte Warenberge dicht an der Straß'.
Und alle Buden zur Schau einen winzigsten Garten der Welt hatten. Eine Hand breit und lang nur zwei Hände war, in einer Vase, sein winziges Erdgelände,
Und eine Hand hoch kaum stand drinnen eine ausgewachsene Tanne, eine Eiche oder ein Ahornbaum. Ein paar Kieselsteine schillerten als Weg in dem mikroskopischen Gartenreiche.
Die Blätter der Eiche waren wie die Nägel einer Menschenhand klein, aber der Stamm mochte viele hundert Jahre alt sein und war zerkrallt und von ehrwürdiger, winzigster Gestalt.
Keine Ladenbude sah in den Tag hinein ohne diesen Zwerggarten, der in einem Porzellanbecken lag. Verkaufbude neben Bude taten sich in langen Straßen ausstrecken,
Und haben auf Strohmatten Porzellangeschirr, Holzwaren schön aufgebaut und auf runden Holzplatten Körbe voll Früchte aufgestaut, und Binsenflechtereien
Und tausend Waren auf ebener Erde im Freien. Aber ein eigener Laut verfolgt dich auf allen Gassen, nach dem sich immer wieder der Fremde umschaut.
Wenn die Verkäufer, die ruhig und gelassen neben ihrem Zwerggarten saßen, von ihren kleinen schlanken Metallpfeifen die Asche an dem Aschentopf abstreifen,
Dann haut das Pfeifenrohr ans Porzellan; und vertraut bald verfolgt dich ununterbrochen dies Geklopf bergab und bergan.
Der Zwerggarten und der mächtige Aschentopf sind in allen Ladenbuden der Ruhepunkt, um den die Verkäufer die Käufer luden.
Der Aschentopf, der dick ist und behäbig und wie ein Kürbis groß aus Messingmetall oder Porzellan, ist wie der warme japanische Familienschoß
Und sieht sich wie ein Schmuckstück und wie ein Hausgott gütig an. Der weißen Holzkohlenasche darinnen gehn nie die roten Funken aus.
Und gedankenversunken sitzt immer jemand vom Haus in seiner Nähe und ruht bei ihm mit seinem Pfeiflein in der Hand. Aber der Pfeifenkopf ist klein wie ein Fingerhut.
Der Raucher nur ein oder zwei Züge tut, dann will das winzige Pfeiflein wieder gefüllt sein. Darum niemals das Ausklopfen der Asche ruht,
Und das Klopfen schläft nie ein, so wenig wie unter der silbrigen Asche die Rotglut. Das Rauchen ist hier in Japan nur ein Genasche vom Rauch.
Man arbeitet nicht immer bloß, man säumt auch, man zieht sein Pfeifchen aus der Tasche und träumt bei zwei Pfeifenzügen, zwei langen. Denn unendlich ist alles Leben,
Und nur bangen macht die endliche Zeit; aber keinem Träumer ist quälend ein Anfang und Ende gegeben, weil Gedanken erlösend mit dem Rauch zusammen in die Ewigkeit entschweben.

 

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