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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 254
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Zwischen China und Japan

Wenn ich vorwärts sah, lag Japan wie ein Gespräch nur da, nur als erzählte Worte, die ich in der Erinnerung schwach hörte, wie durch das Schlüsselloch einer Pforte.
Man sagte, es sei ein Land, wo ein jedes Ding im Leben leicht war wie ein Schmetterling, ein Land voll Chrysanthemumblätter wie krause Goldtüten und voll Bambushütten,
Von denen jede nachts hell wie eine Papierlaterne am Wege stand, wo die Frauen sich wie Blumen farbig und lächelnd dir zeigen
Und die Männer wie Helden jetzt die großen Kriegsschiffe besteigen. Und auch daß vieles verschwunden ist, was dem sanften Lande einst eigen.
Aber doch konnte ich in allen Reisestunden, die über das Meer gehn, kein echtes Bild von Japan im Herzen sehn und wußte nicht, was dort geschah,
Und habe mich im Geist lieber zurückgefunden in das chinesische himmlische Reich, dem fühlte ich mich immer noch nah,
Und China entstand farbig und deutlich gleich, wenn ich zurücksah. Ich lag im Schiffsstuhl, und unter mir der unendliche Wasserpfuhl,
Der kam wie ein tanzendes Theater daher, chinesische Bilder sprangen aus meinem Gehirn, und der Mittelpunkt der Bühne war meine Stirn.
Manch chinesischer Erinnerungstraum stellte sich in Szenen nochmals auf über dem Meerschaum, und als meinen einzigen Zuschauer
Sah ich meine Liebste unsichtbar im blauen Weltraum wie in einer blauen Loge lehnen. Ich stellte noch einmal die Berge von Hongkong auf,
Sah hin in das lebhafte Land; auf den Wegen wimmelte Menschenhauf bei Hauf wie Sand; da ist weithin unterm chinesischen Himmel
Keine Landstraße vom Gewimmel leer. Wie Welle bei Welle im Meer treibt ein Mensch hinter dem andern her,
Überall, wie weit sich die Straße über Äcker und Wiesen hinschreibt, – Einsamkeit kennt in China nicht mal das Grab.
Die Gräber sehen auf Menschengesichter von allen Hügeln hinab; es ist dort, als ob bergauf, bergab jede Straße Menschen, täglich neue, in Herden hin und her gab.
Als sind dort Menschen wie die Schollen der gelben Erden lebendig und rollen vorwärts mit Beinen und Gebärden.
Nie ist in der Landschaft in dem Riesenreich ein Stillestehn, wo die Menschen dicht wie Staub vorübergehn,
Die blaugekleideten Söhne des Himmels mit den Gesichtern, friedlich und bleich wie der gelbe Mond, mit den Augen gleich immer fröhlich brennenden Lichtern.
Schwer war mir der Abschied im Geist von dem Riesenland, das wie ein großes Menschheitslied noch in meinen Ohren laut bei mir stand.
Und wie ein paar seiner Töne verloren, fand ich im Meergestöhne die Ö-Laute der Sprache der himmlischen Töchter und Söhne.
Und ich baute mir nochmals den Abend in Hongkong auf, damals, als ich ein chinesisches Theater schaute.
Eine einfache, dunkle Holzhalle, mächtig und festgefügt, war der Zuschauerraum, der, gleich einem Stalle beschränkt, dem genügt, der kaum mehr an sich denkt,
Der nichts dort sehen will als eines Dichters Leidenschaft und Traum. Und wie die Augen von einem Würfel, einem großen,
Hat die Halle Tausende Menschenaugen umschlossen, Tausende Köpfe, die ihre Opiumpfeifen schmauchen, und die alle weitgeöffnet schauen,
Als könnte das Bühnenbild verrauchen, und als könnten alle die vor der Bühne wie ein einziger Seher im zweiten Gesicht untertauchen.
Die Bühne ein Bretterpodium war, nüchtern und schlicht; im Mittelpunkt auf der Bretterdiele stehen viele Musikanten, und rund um sie ziehen die Schauspiele.
Trommel, Holztöne und Saiten begleiten sie wie ein Rauschen von Schilf; wie ein Austauschen aller Stimmen der Elemente die chinesische Musik dich umflackt.
Und dein Naturherz pocht dir beim Zuhören einfach und nackt, als ob neben dir die Grille kritzelnd zirpt und ein Beil im Wald irgendwo Baumholz hakt.
Und im Geist dabei dein Herz mit dem Holzwurm im Baumstamm lebt und mit dem Weltgefühle im Takt. – Um einen Tisch und ein paar Stühle wandern Schauspieler über die Bretter.
Ein weißhaariger alter Mandarin kommt heran, ein junges Weib kniet hin, und es erscheint ein junger, heftiger, stolzer Mann.
Sie spielen der Leiden und der Liebe urewig wiederkehrenden göttlichen Sinn. Sie haben rosige, eidechsengrüne und porzellanblaue Kleider an, und die Männer
Bärte, kühne. Und mitten in dem Brettergrau der Bühne erhält all der Kleider Glanz gewichtige Werte.
Bei der klagenden, feinen, singenden Flöte, die der kleine Mund ist der ringenden Frau, werden Seelennöte ein wimmerndes Lied.
Und auch die Männer unter geschminkter Wangen Röte, sie sprechen kaum, sie singen ihre Gespräche in gelallten Lauten in den rauchenden, ungeheuern Theaterraum,
Als werden zu Diamanten der Schauspieler Zungen und sind mit sieben Feuerfunken in dein Ohr gedrungen.
Tausend bei tausend Zuhörer lauschen, und jeder hört sein Herzblut wie eine Mühle mit großen Flügeln durch die Stille sausen.
Kein Kulissentand, keine bunte Leinwand hinter der Leiden und Freuden Kommen und Gehen.
Um die Musikanten, die zwischen zwei Türen im Hintergrund im Halbdunkel stehen, drehen sich die Handelnden
Und das große, einfache Geschehen, das die Schauspieler bringen; das und der Schauspieler Stimmen zwingen die tausend Zuschauer,
Daß sie Felder und Häuser, Zimmer, Bäume, Sonne und Nachtschimmer sehen,
Und daß niemals den Blicken der Ohren diese leeren Bretter verloren und leer stehen. Im Rauschen der Waldblätter donnern Wasserfälle und Brandung;
Es blendet des Meeres Helle; Wind und Stürme wühlen, und drunter singt der Rede Quelle. Und alle die Zuschauer,
Sie fühlen Wasser, Feuer, Erde und Luft dort an kahler Bretter und an kahler Wände Stelle; Kulissen, wie sie kein Maler auf die Bühne ruft.
Unter der Leidenschaften zündendem Wetter werden fernste Bilder und Orte nah' stehend, und alle Tausend im dunkeln Raum werden rings um die Erde sehend
Und werden für Augenblicke die Allwisser aller Geschicke.

 

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