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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 253
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Chinesische Abendmahlzeit

Ich empfahl mich bald aus dem Gesellschaftssaal und ließ mir im Teehaus, auf den endlosen Korridoren, ein Speisezimmer nach eigener Wahl aufschließen,
Um noch ein chinesisches Nachtmahl zu genießen. Der Köche Schar holt mir die Speisekarte, die ein großes Blechschild war, von der Wand,
Darauf in langen Reihen die Speisefolge stand. Ein Koch verschwand und kam zurück mit zwei kleinen, himmelblauen Dienerinnen an der Hand,
Die sollten mir mit Engelmienen beim Speisen dienen. Sie schienen wie Kätzlein neugierig zu sein, aber auch überlegen, und waren sanft wie aus Milch ein Regen.
Grünes Jaspisgestein glänzte mit goldnen Fischlein, mit leichtem Gekling in ihren Ohrmuscheln am Ohrring. Das himmelblaue Kleid wie ein Hemd von den Schultern senkrecht zur Erde hing,
Und jedes kleine Ding zeigte die zollangen, gepflegten Fingernägel, auf die sie großen Wert legten; aber das Geräusch ihrer Nägel mehr Lärm machte,
Als ihre Kinderlippe zustande brachte. Auf die Mitte der Lippen war ein Karminpunkt hingetunkt, der zu jeder Stund lächelte, ohne daß der Mund lachte.
Die beiden Mädchen sich gleich ans Bedienen machten, als die Köche die ersten Speiseschüsseln brachten. Sie benahmen sich mit lautlosen Gesten,
Wie Engel bei Kirchenfesten, die am Hochaltar aus blauen Türkissteinen auf den Beter scheinen. Aus feinen Silberkannen gossen sie den Reiswein
In eierbecherkleine Silbernäpfe ein und geben dir die Speisen auf Eßstäben aus Elfenbein, und daneben so unhörbar wie möglich zu sein, war ihr Streben.
Goldpfeile und grüne Jaspisklammern glänzten im schlichtgescheitelten Haar, im pechschwarzen, und die Mädchen dufteten am ganzen jungen Leibe nach zärtlich süßem Sandelholz und Blumenharzen.
Das erste Gericht eine Brühe, die hatte ein krebsrot Gesicht; gekochte Nester der Salaganschwalbe darinnen waren, die schmeckten gleich dem Sago, dem klaren.
Das zweite Gericht sind schwarze Schnitten, die ich erst nicht erkannte; das brannte die Zunge gleich den schärfsten Käsen; es waren schwarze Eier, verfaulte, die ein Jahr in der Erde vergraben gewesen.
Gekochte Haifischflossen als dritte Speis', und eine Schüssel voll gewürfeltem Schweinefleisch mit Reis. Ich habe mich an alle Speisen gewagt
Und mich dann erstaunt gefragt, warum man mancher chinesischen Speise das Übelste nachsagt. Jede Landeszunge hat eine Seele nach ihrer Weise.
Mir hat die chinesische sehr behagt, und gewürziger als alles, was ich je gegessen, schmeckte mir das vielverrufene chinesische Essen.
Als ich meine Eßstäbe niedergelegt, hatt' sich einer der kleinen blauen Engel mit seinem Kindergesicht lächelnd zu mir bewegt.
Die andere Kleine hielt ein Silberbecken mit kochendem Wasser, gleichwie ein letztes Gericht. Die Hände der ersten steckten ein Tuch vorsichtig ins dampfende Wasser hinein
Und wickelten dann, eh' ich's versah, mein Gesicht in das kochende Tuch ein. Nach diesem letzten Gericht die Haut mir dampft, und neugebadet mein Gesicht in die Welt schaut,
Und der fettigen Speisen Dunst verfliegt, der über der Stirn liegt. Nachdem ein Koch die beiden Kleinen an seinen Händen wieder fortgeführt,
Habe ich keine Lust mehr zum Bleiben verspürt. Mein Führer hat mich noch mit seiner Laterne von Spielhölle zu Spielhölle begleitet,
Dort wurden die Spieltische von bebrillten Chinesen leise und still geleitet, und das Volk aller Schichten, arm- und reichgekleidet,
Drängt noch nachts über die Zahlentische, tiefgebeugt, und sie lungern über den Nummern, daran der Zufall hängt.
Der eine wird vom Glück gesäugt, der andere muß im Unglück hungern. –
An einer Gassenstelle bestieg ich eine finstre Treppe, kam in ein Opiumhaus, ins Halbhelle. Ich sah in eine Stube über die Schwelle;
In der halbdunklen Zelle lag auf Steinbänken halbschlafend der Opiumraucher Schar, elfenbeinweiß, mit schweißnassem Haar, Schläfer,
Die im erstarrten Behagen verworrene Augen im Schädel tragen; meist Kulis, die mit dem Lohn von ein paar Tagen
Ihre Opiumdose bezahlen und erhalten für einen Geldpreis statt der Erdqualen einen Göttertraum und sehen für Stunden verzückt in den nachtleeren Raum.
Ein altes Chinesenweib bog sich über einen Trog und schwenkte Teetassen und putzte Pfeifen, und nur ein rauchendes Öllicht
Bei ihr sah den blassen Gesichtern auf die Augäpfel, die steifen. Ein paar richteten sich auf und fielen zurück und sahen mich kaum.
Wahrscheinlich hielten die Raucher in ihrem Traum mich für eine Vision aus Rauch und Schaum. So sieht auch einer den andern im Leben an,
Und alle Wirklichkeit kommt aus den Träumen heran. –
Die wandernde Laterne meines Führers kam dann aus der chinesischen Mitternachtferne wieder zur Schamienbrücke.
Der Himmel war dort voll Sterne, wie das Hirn eines Geizigen voll Gedanken an Goldstücke. Ich legte meinen Kopf in das Hotelbett nieder;
Die Welt erschien mir wie ein Wunderknäul. An einem langen Faden sah ich hin und sah vor mir die halbe Erde, Ägypten, Indien, China aus diesem Wunderknäul wie abgerollt vorüberziehn,
Doch Japan und der stille Ozean und auch Amerika, die waren noch im Knäul darin. –
Über die Schamienbrücke hört' ich lang noch Nachtgeheul, als wollte gellend sich entwirren im Dunkel drüben mancher wilde Greu'l;
Geisteraustreiber gingen um, Holzstücke klappern, als war die Nacht ein Greis und ging auf stumpfer Krücke und schlug nach bösen Geistern und nach der Drachen Tücke.
Die Nacht lag wie ein heller Rachen aufgesperrt; im finsteren Kanal sprang Stern um Stern im schwarzen Wasser wild verzerrt.
Mir war, als schlug die Finsternis die Welt in tausend schwarze Stücke, und wie verdumpft lag ich in allen Finsternissen auf meinem leeren Kissen,
Und furchtbar klein und wie verschrumpft fühlt ich mich in dem ruhelosen Reisedasein.

 

Zurück nach Hongkong trug am Morgen der Perlfluß mich davon. Ich war noch in die Kantonbilder eingehüllt
Und wie ein schwerer Weinkrug bis zum Rand gefüllt und trug auch noch den Dunst von jeder Kantonstraße, gleichwie Geruch von einem Brand in meiner Nase.
Früh stand ich auf dem Dampfer; der breite Perlfluß lag rings aufgetischt, und kraftvoll hat mir frischer Meerwind die Stirn und Wangen abgewischt.
Ich hab' die Salzluft, schnell vertraut, wie einen alten Freund empfangen, und vor ihr ist der Drachengeist der Kantonstadt
Wie Morgennebel überm Fluß zergangen und ist nicht weiter mehr mit mir gereist. Die Sonne saß nicht mehr in engen Gassen,
Sie saß mit breiten Spiegelmassen auf Bergen, Wasser, Tälern, und ich und sie vergnügt zusammenstanden,
Als hinter mir der Blumenboote und aller Kahne Banden und alle Kantonziegel schnell verschwanden. Ich konnt' mich endlich schlafend auf die Schiffsbank niederlegen,
Indessen sich Sprühwellen rund am hellen Schiffskiel hoch bewegen, als wär' ein Scheuertag mit Wurzelbürst' und Besen, ein lustig frisches Fegen.–
In Hongkong hat ein Meerschiff mich dann aufgenommen und ist nach Japan mit mir fortgeschwommen.
Nur einmal stieg ich auf dem Weg in Schanghai aus, nur auf fünf Stunden, und habe dort die Telegraphenwelt von Telegrammen aufgestört gefunden.
Vom stillen Ozean wie Wellen turmhoch kamen täglich Kunden an: Ganz San Franzisko stand drei Tage schon in Flammen
Und fiel im Erdbeben zusammen. – Ich kam soeben heil vom Meer, sah ins chinesische Erdenleben nur eine Weil', nur ein paar Augenblicke,
Und hörte gleich vom Untergang und dem Geschicke einer großen Stadt. Auf vielen Meeren hatte ich gelebt, doch keines schien mir, hatte je so stark gebebt.
Mir war, als wenn schier Wasser mehr Festigkeit und Tragkraft als die Erde hat, als wäre alle Erdenruhe abgeschafft.
Ich fühlte mich am Land in Schanghai fast in Todeshaft und kehrte gerne zu dem Schiff zurück ins ferne fünfte Meer,
Das ich nach Japan hin drei Tage noch durchquerte. –
Im Hafenwasser von Schanghai lagen entlang am Kai eiserne Panzerschiffe aller Nationen, die starrten wie erzene Riffe
Und lagen wie Ungetüme zur Schau, gefesselt an eisernem Ankertau, waren wie schlafende Drachen, die, wenn sie mit feurigem Atem erwachen, Mauern umbliesen.
Standen totstill wie die eisernen Schuhe von unsichtbaren Riesen, hingestellt mit gewichtiger Ruhe.
Und ich habe die Heimat nahe gefühlt, das dynamithafte Europa mit seinen Panzerpuppen, als wären angespült von einem fernen Ungetüme die rasselnden Eisenschuppen.
Staunend ging mein Auge über die Gruppen der Eisentürme, manche Schiffswand stand rot voll Rost und von Spuren der Stürme.
Ich hatte Mitleid mit den Eisenkolossen, als wären es eiserne Riesentränen, die ins Meer geflossen sind, von ganzen Völkern, die sich zu Völkern sehnen.
Aber mit Waffen bis zu den Zähnen hält die Furcht ihre Sehnsucht umschlossen, und die großen Völker kommen wie Drachen aufeinander geschossen,
Statt unter Lachen und auf Blumenkähnen.

 

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