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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 252
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Bei der chinesischen Sängerin am Abend des zweiten Tages in Kanton

Ich ging des Nachts nochmals zur Schamienbrücke mit Führer und Laterne hinein in Kantons Nachtgeschrei und ins Gesinge, das klang, als war ein Festlärm aller Sterne.
Ich dringe ein in eine enge Gassenlücke, die war nicht breiter als zwei Ellenbogen. Chinesen sind, wie Katzen und wie Ratten grinsend und lautlos, durchgezogen.
Da waren Reihen offner Fenster hell zur ebenen Erde, und drinnen saßen lieblich Mädchen, dicht gedrängt wie eine Lämmerherde auf der Weide;
Alle in himmelblauer Seide, mit Schmuck behängt und mit Parfüm besprengt und mit gepudertem Gesicht und weißen Händen, saßen wie kleine, himmelblaue Engel ohne Flügel,
Gereiht an kahlen Wänden. Sie lachten, plauderten und machten Zeichen und warteten, daß man sie zu dem Teehaus holte, wo sie die Speisen und den Reiswein reichen, Gedichte sagen,
Legenden von Chinesenhelden und aus des Landes ältester Geschichte. Dazu sie auch die Laute schlagen und sich wie Porzellan zerbrechlich zierlich stets betragen.
Wie kleine Nippes, die sich mit Grazie zieren in ihren reichgestickten Seidenhemden, lächeln sie zwischen Seidenblumen, Vögeln, Tieren, und überm blauen, seidenen Gewand
Lebt ihr Gesicht, gleichwie der Silbermond, der von der Liebe in den blauen Wäldern und blauen Mondscheingärten spricht. Aus allen ebenerdigen Fenstern
Der Mädchen kichernde Gelächter hallen, und überall ist liebliches Gedräng', als sei ein Markt eng unter Lampen und den Lichtern, und überall dasselbe Warten von den geschminkten, schwarzgescheitelten Gesichtern. Mir war,
Als könnte ich von einem blauen Gartenbeete zu andern blauen Gartenbeeten schauen. Ich trete in ein großes Teehaus ein, das lag im rot und blauen Schein von bunten Gläsern eingekrustet,
Mit Fuchsienblüten auf Altanen, mit grünen Kacheln dicht an einem schmutzigen Kanal und Stockwerk über Stockwerk, Saal bei Saal.
Musikgezirp spielt drinnen wie Geklirr. Lichter, rubinenrot und grün und gelb, mit langen Strahlen prangen aus kleiner Fenster Glasgewirr;
Und viele Holztreppen bin ich hinaufgegangen, und in unendlich langen Gängen erwartet Saal bei Saal der neuen Gäste Zahl.
Man lud mich hier zum Abendfeste bei einigen Mandarinen ein, denn stets, wenn diese wohlbeleibten Herren hören, daß Europäer in dem Teehaus sind, dann möchten sie sich gern belehren.
Sie baten mich, ich möchte sie beehren. Ich konnte mich der Einladung nicht gut erwehren, und auch die Neugier trieb mich zum Besuch.
Zuerst seh' ich im dunklen und lackierten Saal, in Farben lichterfroh wie rotgekochte Krebse angekleidet und wie Pakete blaues Indigo,
Die Herren, die sich all' erheben von den geschnitzten schwarzen Stühlen und sich vor mir vielmals verbeugen, wie in dem Winde große Mühlen.
Sie klappen ihre Fächer zu, mit denen sie sich nicht mehr kühlen, und steckten sie mit Seelenruh am Nacken ins Gewand.
Und ähnlich den himmelblauen Sternen, sitzt eine Anzahl kleiner Frauen, halb Kinder noch, im Teehaussaal. Tee wird gereicht, und dazu Mandelkerne.
Manch einer aus dem bunten Troß hebt eine kleine Frau sich auf den Schoß; man grüßt sich nochmals mit der Tasse Tee, eh' man den Trank zum Munde führt,
Und man verbeugt sich wieder gleich den Storchen, um dann mit dem verbindlich ewigen Lächeln auf Frauen und auf Lautenlieder hinzuhorchen.
Die älteste der kleinen jungen Frauen, umgeben von den jüngsten Mädchen, hält in der Hand ein Taschentuch aus weißen Seidenfädchen.
Sie singt mit leidenschaftlicher Gebärde, und um sie kauern Lautenspielerinnen auf Seidenkissen an der ebnen Erde.
Ihr Taschentuch den Takt leicht winkt; wie eine Grille, die die Nacht durchdringt, singt angestrengt ihr Mund, der, rot geschminkt, im weißgepuderten Gesichte blinkt.
Sie ist, wie eine Somnambule trunken, tief in ihr leidenschaftlich Lied versunken, besingt die Taten und die Liebe großer Helden,
Die einst die Erdenstraßen stolz betraten in einer Stadt, so fern wie's fernste Thule, und jetzt im Saal auf den porz'llanen Steinen
Glänzend im Liede nah erscheinen, glänzender als die Sterngespenster, die draußen über rote Fuchsien scheinen am offenen Altanenfenster;
Und oft die Lippen sich im Schmerze beißend, das kleine Taschentuch in ihren Händen fast zerreißend, sitzt sie auf ihrem niedren Schemelstuhle
Und spinnt den Seidenfaden der Legende, gleich wie an einer Silberspule, und ohne Ende klagend, halb singend und halb sagend,
Und ringt die kleinen, weißen Hände. Und dieser Frauenmund, der kirschenrote, singt alle Liebe, alle tote, der tausendjährigen Sagenbände. –
Nie bin ich ärmlicher mir je erschienen und bäuerischer je in meinen Mienen, als neben diesen kühnen, kupferroten Seiden,
Den birkenblättergrünen, eiergelben und glockenblumenblauen Augenweiden, in die sich Chinas Männer festlich kleiden.
Unscheinbar wie ein Holzbock, so erschien mein Wollenrock und stach stumpf ab mit seiner Kohlenfarbe, so dumpf, wie dröhnend Eisen von fröhlicher Saiten Weisen.
Gleich Rauch vor Gold und roten Flammen, so trübt mein finstrer Anzug hier den Festesrahmen, in dem chinesische Herrn und Damen,
Gleich Edelsteinen kostbar, hier zusammenkamen. Auch was ich sprach, auch meine Stimm' und Geste, – nichts paßte hier zu dem chinesischen Feste.
Nichts ließ sich mit dem Takte hier vereinen; sie alle lächeln von dem Zopf bis zu den Beinen und spüren sich in ihren dünnen Seiden,
Darinnen sie elektrisch sich berühren, noch nackter, als wenn wir uns nackt entkleiden. Viel höher und viel kleiner sind die Stimmen,
Wie feinste Instrumente, fein gestimmt, und ihre Ohren hören Sphären, die nie ein europäisch' Ohr vernimmt, gleich einem Auge, dem durchs Mikroskop noch eine Welt im Wassertropfen schwimmt.
Und ihre Lieder sind gesungen, als lallen Kinderseelen, als seufzen brünstiger Tiere Zungen, als lispeln Kehlen feiner Meisen,
Als klagen Lippen sanft, zahnlos, von hundertjährigen Greisen. Uralt gleich einem Urweltbache kommt ihre Stimme angesprungen,
Und oft den Lämmerböcken gleich, den wochenjungen; gealtert und verjüngt ist der Chinesen Sprache in mein erstauntes Ohr gedrungen.
Ö-Laut um Ö-Laut sich in dieser Sprache singend baut; so wie ein süßes Zuckerwerk, das man mit seiner Zunge nur zerdrückt und nicht hart kaut, das Blut versüßend,
Sang die Sängerin vor meinem Ohr; die sich kaum aufzuschauen traute, saß klein in sich gebückt, von feinster altchinesischer Rasse
Und lispelt' in Ekstase, als ob sie Sagenzeit und Heldentaten im Geiste fortgerückt erschaute, als würde sie dann überm Singen alt,
Und all ihr schwarzes Haar ergraute, so reiste sie in die Jahrhunderte und sang der Sehnsucht Lust und Last und wurde in dem alten Lied zu einer kleinen Greisin fast.
Hat Ö-Laut neben Ö-Laut durch die Nacht gelallt. Bald sich mein Ohr schon nicht mehr wunderte; als ob in jedem Ö-Laut Tränen stecken
Und wecken Sehnsüchte wie Nachtigallen, fühlt ich mich mit Erschrecken von Tränen und von Heimweh überfallen.

 

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