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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 251
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Zweiter Tag in Kanton

Am zweiten Tage fiel kein Regen mehr; mein Sedanstuhl scheint meinen Trägern weniger schwer, und wie ein Bach schwatzt Gasse laut bei Gasse, im Sonnenscheine, nebenher.
Als ist kornblumenreich ein Feld im Morgenlicht lebendig rings gewesen, so liefen hurtig, quer auf meinem Weg, die Scharen himmelblau gekleideter Chinesen.
Auch mancher himmelblaue Mann trug stolz den kleinen, himmelblauen Sohn, als sei des Vaters Arm des Kindes feierlicher Thron. Und nächst dem Kind hielt noch die andere Hand
Aus Bambus einen Vogelbauer, darinnen Nachtigallen saßen, und unter Spaßen mit dem Kind und Vogel kamen großmächtig die Chinesen und gelassen
Prächtig in Seide durch die Menschengassen; die frischerwachten Kinder lachten, und alle Vögel auf den Käfigstangen das Kinderlachen froh besangen. –
Ich trat in einen alten Tempel ein. Fünfhundert Buddhas, lebensgroß wie menschliche Gestalten, sitzen in zwei gekreuzten Reih'n, und jeder Gott legt seinen Bauch vor sich aufs überschlagne Bein.
Hier walten alle Götter: die lachenden, die ernsten, die jungen und die alten, der Reichen Gott und auch der Gott der Not, sie gleichen denen, die zu ihnen beten,
Den Frohgesichtern, schön geschwungen, und den Gesichtern, tief durchdrungen von hundert Lebenslasten; sie gleichen allen denen, die vor sie bittend treten, –
Fünfhundert Göttermienen, fünfhundert Menschenkasten. In diesem Tempel, in dem langen Balkenstalle, schmucklos und trutzig,
Diese Götter alle fast lustig sitzen, geschnitzt und auch gegossen, als lebt das Menschenangesicht fünfhundert Mal hier lachend eingeschlossen. –
Und weiter durch der Menschen Masse kam ich zur Töpfergasse, wo mitten auf der Straße ein blutig' Lumpenbündel lag.
Hier wurde hingerichtet jeden Tag, und unter einem Hüttendache sprangen ein Knabe und ein Weib schnell zu mir her und hüpften über eine blutige Lache;
Sie schwangen vor mir auf und ab ein kurzes, messerartig' Schwert; es waren die Scharfrichterleute. Sie haben mitten zwischen Töpferwaren
Die Hinrichtung von gestern laut erklärt und grinsend dann ein Almosen begehrt. Man hätte mir auch für ein Goldstück gleich Gefangene zur Hinrichtung gewährt.
Denn es ist Sitte, daß oft Europäer verurteilte Gefangne kaufen; sie lassen sie nicht etwa laufen, nein, in der Gassen Mitte hier, wo Kinder mit den Hunden raufen,
Wo sich um Töpferwaren die Käufer und Verkäufer scharen, am Pflaster, vor dir kaum zwei Schritte, trennt für dein Geld ein Schwert die Köpfe ab mit einem Schnitte,
Als ob kein Mensch beim Töten Schmerz erlitte. Das Pflaster muß sich jeden Tag mit Blut hier röten, als sei das Töten nur ein Scherz und kein Entsetzen.
Es lag das Blut am Kleiderfetzen von gestern rot noch da und schien kein lachend Auge chinesischer Gesichter zu verletzen. –
Darnach hab' ich auf einer Hügelgasse hoch einen Turm erreicht, dort wird mit ältestem Zeitmaße noch eine Wasseruhr von Wächtern sorgsamlich gepflegt;
Durch viele umständliche Steingefäße hat eine Wassermasse, hoch oben in dem Turmgelasse, geduldig tropfend ihren Weg zurückgelegt.
Des Wassers gleichmäßiges Rinnen von einem alten Becken drinnen zum andern alten Becken war, wie das Fortspinnen der Zeiten, lebendig und erregt.
Und manch Jahrhundert saß im Spinnengrau hoch oben in dem alten Bau. Die Steine in dem greisen Turm, die hatten Gruben, Falten von Wind und Tau und Sturm
Und haben doch die ewige Wasseruhr noch fest und hoch gehalten. Drunten, auf vieler Meilen Strecke, lag Ziegeldach bei Ziegeldach wie eine gelbe Schuppendecke, –
Die Kantonstadt, gedehnt und flach, und über ihre Ziegelzeilen die Wolken und die Sonne eilen. Hier oben ahnst du nicht, daß diese Ziegelwelt Menschen in Massen und Millionen Gassen reich enthält.
Über die Straßen dicht sind Dächer zudeckend hingestellt, daß kaum noch Licht und Lust einfällt. Hier oben auch war von Abfallstoffen vergiftet rings die Luft.
Nah' bei der Wasseruhr stand eine Tonne voll Urin für die Besucher offen, daneben Sandelholz und eine Kerzenschar, die brannten in des Turmes Ecke um einen Hausaltar,
Denn überall in dieser Stadt der Götter- und der Menschendunst zusammenwandernd war. –
Dann wieder drunten zu den Straßen niedergestiegen, hört' ich Trommelwirbel, einen Gongschall und Flötenblasen, und ich mußte meinen Sedanstuhl verlassen,
Als Ehrerbietungszeichen, um einem Mandarinen auszuweichen. Ich sah blaugekleidete Soldaten heranziehen, und hinter ihnen in gelber Seide und im grünen Tragstuhl erschien
Das gelbe und feine Gesicht von einem alten, bebrillten Mandarin. Gongmusik und Soldatengeschrei schossen wie ein Komet vorbei.
Und in meiner Brust fühlt ich etwas von der Wolllust der Tyrannei der Großen, als wär' ich dem Gefauch eines Drachens begegnet, der sich Platz schafft zum Lebensgebrauch. –
Dann sah ich auch in manchem Laden zu, wie Seifensteinkünstler Figuren aus Seifenstein schneiden, und ich trat in die Elfenbeinlager, wo aus weißem Bein und Zahn
Zierlichste Schnitzereien mich ansah'n, zerbrechlichste Gebilde, auf denen deine Augen kaum wagen zu weilen,
Und an denen oft ein ganzes Menschenleben lang unermüdliche Künstlerhände feilen. –
In einer Gasse stieg mein Stuhl, nahe einer Parkmauermasse, am Hügel empor. Fein Moos wuchs auf den Steinstufen, und klopfend an ein festverschlossenes Tor
Wurden Wächter gerufen, die ließen mich ein. Drinnen stiegen laubleere Platanenkronen, Maueraltanen umfassen alte Teiche, Steinwälle schützen reiche Terrassen.
Und droben in dem Gartenteehaus, dort saßen im Sommer die Kantonleute und sahen ins Land hinein aus gläsernen Pavillonen über Baumwipfel und den Hügelabhang hinaus,
Eingerahmt von bunten Kacheln und buntem Glas, gleichwie auf farbigen Thronen, erlebten sie des wandernden Himmels und der wachsenden Erde ungeheuere Dimensionen.
Ich saß allein, nahm ein Mittagessen hier ein, und auf das Glashaus fiel Regen fein nieder, und einige rosig blühende Pfirsichäste und einige goldgrüne Weidenzweige
Streckten ihre märzverzückten zierlichen Glieder aus, und von den Dachtraufen bekam der Berggarten mit seinem alten, finstern Erdrasen wie ein durstiger Drache zu saufen,
Und er rauschte voll Wasserblasen. Ich hörte laut die Himmelsmilch in die Erdkehle laufen und habe neugierig in den Frühlingsregen geschaut,
Wie ein Freier auf den dichten Schleier seiner Braut. Und beruhigend wie zu Hause bei mir war auch hier der Märzenregen,
Hier, wo sie das Köpfen auf den Gassen pflegen. –
Von neuem fassen die Träger den Sedanstuhl, und weiter am Hügelhang fliegen sie hinauf im Barfußlauf, an der zerbrochenen Stadtmauer von Kanton entlang.
Dort, wo alte Kanonenrohre wie tote Ungeheuer liegen, ist ein Grashof dicht am Gemäuer, da steht mit Würde und Gewicht die rote Fünfstockpagode,
Welche steingeschnitzte Schoßhunde und Drachen mit verschnörkeltem Steingesicht am Eingang bewachen. Jedes rote, hölzerne Stockwerk überdachen geschweifte grüne Ziegel,
Daneben, gleichend einem zerbrochenen Türriegel, ist der graue Mauerring von Kanton fortgekrochen. Verwildert und sorglos über Berg und Tal die schartige Mauer ging,
Und darüber sah man ins Gebirge kahl, wie in einen Steinsaal, wo Grab bei Grab das Tal und den Hang übersät, als ob Steinbank bei Steinbank auf allen Bergen steht. –
Der Sedanstuhl bergauf, bergab wieder weitergeht, am Stadttor vorbei, im Regeneinerlei und im Frühlingswind, der wie zu Hause weht.
Vor einer Steinklause hält die Trägerschar, drinnen sind in winzigen weißgetünchten Höfen kleine Steinhütten wie kleine Steinöfen gebaut und mit Indigo geblaut.
Einen Sarg schließt jede Steinkammer ein. Hier liegen die Toten geschart und warten aufs Grab, in ihrem Baumstamm aufgebahrt.
Denn ein Begräbnis vielen Reichen das Vermögen oft nahm, und manche Söhne wurden arm und darben, wenn die Väter starben,
Weil der kostbare Sarg sie später in Schulden bringt, so daß manch Toter seine Söhne zum Geldverdienen zwingt. Fort von den Totenkammern, wo Tee und Weihrauchopfer dampft,
Stampft meine Trägerschar jetzt heim durch Straßen, die breiter bald, bald schmäler. In einer dieser Gassen saß im Abendregen auf den Tischen eine Zunft.
Wahrsager dort in Massen berichten manchem flüsternde Geschichten von Zukunft und von Traumgesichten. Dicht mit dem Ohr dem Wahrsager am Munde,
Horcht mancher dann auf seines Glückes und seines Unglücks Kunde.
Denn bis an ihrer Mauer Saum hat diese Kantonstadt für alle Dinge Raum, die's Menschenherz in Lust und Schmerz bewegen,
Und ist um keine Antwort laut und murmelnd je verlegen; und auch der Liebessehnsucht, die sich ihr vertraut, sendet sie eifrig plaudernd tagelang beschwichtigend den Frühlingsregen.

 

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