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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 247
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Chinesische Werkstattgassen

Als grub sich eine Maulwurfherde Irrgänge durch die Erde, so wechseln, ohne abzulassen, die langen, winzigen Kantongassen,
Wo Warenlager, Arbeitstätten und Ladenbuden in langen Ketten beieinander saßen. Und immer auf dem sechzehnbeinigen Pferde ritt ich in Eile durch das Labyrinthgedränge;
Es bohrte sich mein Sedanstuhl gleich einem Keile stets tiefer in die Enge, wie ins Gebräu von einem sumpfigen Pfuhl, vorbei an roten Fisch- und Fleischerbuden,
Die manchen Tisch mit dem Behänge von Regenwürmern reich beluden. Garküchen mischen mit Gerüchen sich in deine Nase, als ob sich vor dir unsichtbar die Fettgerichte in der Luft auftischen.
Dazwischen oft an mancher Wand, in offenen, hohen Tonnen, stinkend Urin stolz vor den Häusertüren stand. Dazu Parfüm vom süßen Sandelholz und Wachsgeruch von den Altären,
Ein Brodeln und ein Gären von Getränken, von Hefen und von Most lähmten mir Fremdem allen Odem, als wird von tausenden Gestänken um deine Seele hier gelost.
Wie Schwalben schnell um Fenster eilen, flog ich im Sedanstuhl vorbei an allen Budenzeilen, als sind es Stücke grell aus wirren Träumen
Und zeigen dir bald einen Sinn, bald eine Lücke. In vielen Schreinerhallen, gleichwie die Scharen abgehauner Bäume, wie Berge aufgestapelt, sind mir die Särge aufgefallen.
Ein jeder Sarg war nur ein ausgehöhlter Stamm, gleich einem Kahn, der in der Urzeit schwamm und kam vom Tod aus ewigen Zeiten in ältester der Formen
Noch heut am Ufer unsrer Erde an. Meist war der Baumkahn unverziert und roh, als sah man ihm bereits die arme Leiche drinnen an,
War eilig ausgehöhlt und nur mit Armut angetan. Oft aber war er schwarz lackiert und schön belegt mit Elfenbein, als schloß er Kostbarkeit und Lebensbeute ein
Und hatte es nicht eilig und hatte vornehm gute Zeit, als wäre die Verwesung den Reichen noch kurzweilig. –
Der Kupferschmied, die Lederarbeit, Steinschleifer, Schuster, Weber, sie wechseln alle Glied bei Glied, es ist der ganzen Menschen Arbeitseifer in diesen Gassenhöhlen aufgereiht.
Sähe dein Auge hier nicht immer die ewig blassen gelblichen Chinesen, die unterm Regenschimmer und im Nebeldämmer mit Drechseln, Haspeln und Gehämmer
Auf schmutz'ger Pflasterjauche bei ihrem Tagewerke sich bewegen, du würdest dich zu Hause fühlen bei dem Geruch von Amboß, Steinschleifmühlen, Hobelspänen, Leim,
Denn Arbeit bietet groß den Völkern die Erde an als Werkstatt und als Heim. Und rund um unsren Erdenkloß
Müssen sich alle Menschen tags gebückt und wie die Mühlen durch die Arbeit vorwärts wühlen.
Doch dann am Feierabend, wenn dann dein Herz sich nicht an einem Menschen verliebt und heiß entzückt,
Ist ihm trotz allem Fleiß die beste Tagesarbeit doch mißglückt.

 

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