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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 244
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Ankunft in Kanton

Am frühen Morgen war's, als müßten Starenscharen mit lautem Schwatzen übern Strom hinfahren. Von Menschenstimmen war im Morgendampf
Ein brausend Durcheinanderschwimmen; von hunderttausend Barken, Booten, Kähnen ein hölzern Aneinanderwetzen und Gestampf.
Von Rudern, Stangen, Seilen, Flößen ein Klappern rings um unsern Dampfer strich, ein Plappern, Schreien willkürlich von Menschenfudern;
Rund Boot an Boot so dicht gezwängt, daß sich mehr Holz als Wasser vorwärts drängt. Das Wasservolk von Kanton lag auf Meilen
Um meinen Dampfer her, der mußte schwer und langsam seinen Weg sich teilen. Und wie ein Kranichheer lärmten die Kantonboote,
Klappten mit Stangen kreuz und quer, die Wellen schlappten an die Ufer an, und hundert gelbe Menschenarme langen mit Rudern und mit Hacken her im Schwarme.
Ein schwatzend Meer von Frauen, Kindern, Männern lebte auf diesem grauen Fluß, der glich im Nebel einem mächtigen Darme,
Darinnen Menschen sich wie seine Nahrung stauen, der hier Millionen Tag und Nacht mit ihrer Freude, ihrem Harme verdauen muß.
Mit blauen Augen, angemalten an dem Kiel, gleich gelb und grünen Fischgestalten, sich Boote stoßen, rund umschlossen von Dächern, schwimmenden Riesenbechern gleich,
Mit großen Kappen, leicht gefügt aus Holz und Lappen, darinnen nackt Chinesenrücken und halbrasierte Köpfe, grinsend vergnügt und gelblich bleich.
Wirr struppig war's aus Kleiderstücken, Kesseln, Feuern, Töpfen ein schwimmend Kehrichtreich.
Der Fluß, so weit du siehst, mit Kähnen voll, mit Stangen, Holz und Stämmen; Holz fließt, als kämen laubleer Wälder her, die all' zu wandern angefangen,
Mit Menschen drinnen, die sich streiten, sprangen, arbeiten, näselnd sangen und haben nichts von Nöten mehr in ihren Böten. Menschenfamilien, die im Wasser dumpf hinreiten,
Wie Kröten sich in einem Sumpf gebären, leben, sterben schon seit allen Zeiten. Und bei dem Ton der Holzmusik und bei dem Wellenkratzen
Standen auch hier, unter den Dächern, in der Böte Zellen auf winzigen Altären die Götter lieblich neben Drachenfratzen.
Und kleine Räucherkerzen knisterten und schmatzen vor roten Ahnenschildern,
Indes die Lebenden gleich Flußwasser laut schwatzen: mit sich und ihren Wellenbildern
Und mit Vorüberschwebenden. Denn jeder hat auf Wellen hier gebaut, und jeder hat sich doppelt lebend hier geschaut,
Und hat, wie ein Verliebter hingegeben der Liebsten hellen Augen, dem Flußspiel und den Strudelschnellen sein Leben anvertraut.

 

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