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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 243
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Nächtliche Flußwanderung auf dem Perlstrom

Im Hongkonghafen, wo die dichten Massen chinesischer Dschunken schaukeln, die vollgepfropft mit Weibern, Männern, Kindern, die nie das Wasser je verlassen,
Stieg ich beim Mondschein in der Nacht auf einen Kantondampfer ein; der hat mich bis zum Morgen endlich tiefer hinein in das chinesische Reich gebracht.
Denn was ich in Hongkong im Uferschein gesehen, war noch kein echt chinesisches Dasein. Erst hinter der mächtigen Bergkrause
In den unermeßlichen Tälern stehen deine Füße in China zu Hause. Ich saß auf dem Deck wach, und der Dampfer ging unterm Mondhimmel, wie unter blaßblauem Glasdach.
Des Schiffes Spitze in eine Inselwelt drang, an hohen Bergschatten entlang, und trat in den mondbeleuchteten Perlfluß wie in einen breiten, weißgepflasterten Gang.
Zu beiden Seiten schritten die mächtigen Gebirgsriesen, die das Schiff wie einen kriechenden Käfer klein fortkrabbeln ließen.
Kein Laut und kein Uferlicht war da, nur Berggewölbe standen aufgebaut, als ob die Erde wie eine Hydra mit vielen dunkeln Köpfen den Mond anschaut.
Nur die Berge waren meine Nachtgespielen am mondhellen Schiffsdeck und ihre furienhaften Schatten, die über den meilenbreiten Fluß fielen.
Aber manchmal war mir, als ob die Flußwellen verdächtig, wie schiefe Chinesenaugen, schielen und sich verstellen.
An den weißen Zeilen der Kabinenzellen entlang sprang das Mondlicht funkelnd auf blanken, scharfen Äxten, Gewehren, Messern und Beilen.
Zwar alle Waffen malen dir gern Bilder von Blut und Kampf, aber hier unterm chinesischen Nachtstern, im Flußdampf,
Hatten die Waffen nichts mit großem Prahlen zu schaffen, denn zum öftern schon, eh' der Maat von der Nachtwache die letzte Stunde geläutet,
Trat, wie ein Drache, das Schiff eines chinesischen Pirat' aus den Mondnebeln und stand an der Dampferwand. Und chinesische Fäuste hätten oft gern Geld und Waren erbeutet.
Lägen nicht die schweren Beile und Waffen zur Hand. Die wachen Stahlklingen an der Schiffswand fingen an, mir die Hinrichtungsbilder glaubwürdig zu machen,
Welche, gleich alltäglichen Dingen, die Hongkong-Photographen auf Postkarten in den Handel bringen. Zwanzig Geköpfte liegen oft am Perlfluß am Strand.
Wenn die Flußpolizei ein Piratenschiff fand, fliegen allen Piraten in fünf Minuten die Köpfe zum Sand. Kein Gericht erst ein Urteil den Flußräubern spricht.
Dort, wo man die Plünderer fand, fällt einzig Urteil der Henker mit dem Schwert in der Hand.
Beim Wandern im Mondschein am Schiffsrand schien mir's, als ob der Mond mit einem Fuß hienieden in Silberflut stand, mit dem andern im Menschenblut,
So wie dem Chinesen das Leben galt, bald als greuliche Drachengestalt, bald als liebliche Frauenblume gemalt.

 

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