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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 241
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Chinesische Gräber in der Landschaft

Draußen vor Hongkong, unter den Bergwänden, bin ich an den grünen Geländen vorbei auf breiter Landstraß' durch Täler gefahren,
Unter uralten Baumscharen, wo die Bambusstaude wächst gleich wallenden grünen Haaren. Dort in den Meerbuchten, den weitschallenden,
Liegen Fischerdörfer eingesunken, wo die großen, braunen Drachendschunken am Strand sich zusammenrotten und wo die braunen Strohsegel sich im Winde blähen und biegen wie die Flügel der geflügelten Flotten.
Unter den Haustüren der Fischer flattern in Reihen an Schnüren goldgetupfte rote Papiere, die statt Gebeten bösen Geistern im Hausreviere unter dem Haustor entgegentreten.
Und gleich steinernen Betten liegen, auf allen Meerhügeln zerstreut, die chinesischen Gräberstätten. Wie halbrunde Steinbänke schmiegen sich diese hellgrauen Totenschränke
Mit ihren Treppenstufen an die Wiesenabhänge, sind wie luftige Steinterrassen, die im Halbrund eine kleine Tür umfassen. Auf den Stufen Besucher der Gräber saßen,
Schauen vom Berg fort über die Wolken und Wassermassen in die Landschaftsgelände, als ob dort ihr Auge in den Gesten eines Baumes die grüßenden Hände eines Toten wiederfände
Und in den Figuren im Wolkenspiel des fernen Toten Gesicht und Profil.
Eine glückliche Luft liegt in China noch über der einsamsten Gruft, wo der Tote die Lebenden vor eine herzerquickende Landschaft ruft.
Er suchte im Leben das Landschaftsbild aus, und seine Lieblingslandschaft muß den Toten wie ein erweitertes Haus umgeben.
Jener Landschaftsplatz, den er lebend geliebt, allen Trauernden das Bild seiner Seele gibt.
Des einen Grab sieht aufs Meer in den Sturm, des andern in ein Bambustal in den Frieden hinab, der dritte schaut auf die Landstraße her,
Gleichwie auf des Lebens unendlich forteilenden Wurm. Alle Gräber verschieden gestellt und gesinnt. Manch Lebender, der einst ein Rätsel war,
Redet im Tod durch die Landschaft klar, die er sich erwählt, und Meer oder Himmel oder ein Bach, der vorbeirinnt,
Die Gedankenwelt des Toten in dem Trauernden weiterspinnt.

 

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