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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 240
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Chinesische Opferpuppen

Kaum ein Pferd, kaum ein Lastkamel, – ein Esel oder ein Zugtier begegnen dir selten hier in den Hongkonggassen; nur Menschen mit Menschen sich befassen.
Die kleinen Rikschawagen flogen, von Menschen gezogen, vorüber, Menschen hinter Menschen hinjagen, und im Tragsessel Menschen, von Menschen getragen.
Die Haufen Menschenköpfe sind wie Kegelkugeln, die alle ins Dunkel hinlaufen, gelbe Kugeln, welche schreien, lachen und schnaufen.
Lange Ladenreihen verkaufen viele europäische Sachen, und daneben leuchten Chinesenwaren in wunderbaren hochzeitsbunten Scharen.
Aus den Buchbinderladen schauen die goldenen, blauen und purpurnen Puppen aus Seidenpapier, die feuerroten Papierdrachen, Papiergötter und papierne Blumenzier.
Papierene Puppenvölker, belebt, ausgeschnitten aus flachen Pappen und beklebt mit wachen, bunten Seidenlappen; papierne Mandarinen und Frauen, Soldaten und Buddhas
Reiten auf Tiger und Pfauen, behäbig mit runden, bemalten Gesichtern, feisten Gliedmaßen wie Menschengestalten, die im ewigen, alten Wohlstand auf der Erde sicher saßen;
So schauen die Puppen in feuerfarbenen Gruppen hinaus auf die Straßen. Bis der Tag kommt, wo sie zum Ahnendienst bereit um einen Hausaltar stehen,
Einem Gestorbenen zum Totenfest geweiht, in Flammen aufgehen, verwandelt zu Asche und Kohle, als Symbole einer Frauen- und Dienerschar,
Die, sich tötend an der Leichenbahr', dem Gestorbenen folgt. Vor Urzeiten blutiges Totenopfer Sitte war; heute folgt dem Toten aus Seide und Papier eine Puppenschar.
Denn es sind immer doch nur die Gedanken, sie bringen den Toten, den teuern, ihr Leben als Opfer dar, und als Papierpuppen wanken die Frauen und Diener zu den Altarfeuern.
Denn wessen Gedanken mit dem liebsten Toten dahingehen, der kann kaum sein Leben ernstlich erneuern,
Der wird bald von den Feuern des Schmerzes den Toten nachgetragen und bleibt nicht unversehrt,
Und wie die Puppen vom Altarfeuer, so wird ein solch Getreuer von seinem eigenen Herz verzehrt.
Trauer um das Liebste, die macht den Leib schier so zart wie Papier.

 

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