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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 237
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Mitten im Hongkongnebel

Die zähe Hongkongluft, vom Regendampf beladen, gab mir nach der Aquatornähe, nach trägen Hitzeschwaden, durch die ich Monate gereist, im Geist ein taglang staunendes Bewegen.
Es mußt' sich wieder mit der Zeit, mit graueren Kleidern erst, Gewohnheit einer graueren Welt um meine regen Sinne legen.
Der Tropen Sonnenlunte, die in mir heiß noch war und auch verwegen, wurde mit jeder Stunde zu grauer Nebelruh'. Die weißen Sommerschuh', die wurden in den Schrank gestellt.
Ich tat auch meine Ceylonringe nach einer Weile von den Händen; ihr allzu buntes Blenden war mir in diesen grauen, nebligen Geländen fast wie jene geile Nähe der Hure von den sieben Meeresenden.
Und ich begann die Last der warmen Hongkongnebel, ihr jähes Kommen und Verschwinden und ihre zähe Unrast an den Bergen als ersten Gruß der alten Heimatzone
Von ganzem Herzen als Genuß und Wohltat zu empfinden. Der Nebel, dieser neue Reisegast, der vor den Fenstern Aussicht, Dächer, Berge, gleichwie mit einem Hebel, bald hob und bald zerbricht,
Er war mit seinem Schalten nicht vor den Fenstern aufzuhalten. Er war mit seinem Treiben gleichwie Gewandungen, gewoben aus Erinnerungen,
Die nicht am Körper wie die Kleider bleiben. Und Tag und Nacht ritt um Hongkong der Nebel mit Gewimmel, schaut' grau sich um auf Berg und Himmel,
Gleich einem Riesen, der, wohin er haut, die Welt zertritt und mit den Fäusten wieder baut. Smoking und meine Lackschuh' waren oft im Schrank belegt mit grünem Schimmel,
So feucht schlägt Hongkongnebel sich durch Mauersteine und ist in jeden Schrank hineingefahren und wuchs sich an in Moderhaaren.
Und in dem klaren Hongkongsonnenscheine, da hatten einen längeren Schatten meine Beine, die Sonne ging nicht senkrecht überm Haupt mehr mit,
Wie vorher drohend in der Tropenzone, wo sie erregt, gleichwie ein Feuer, hoch lohend den Zenit gefegt. Doch bald hatt' ich mich wieder in Gewalt
Und habe mich, den Nebeln angemessen, verändert an Gedanken und Gestalt. Und hab' nur noch von dem, was tropisch indisch an mir galt,
Die Sehnsucht nach der Liebsten unbegrenzt mit Tropenwucht besessen. Denn Sehnsucht hat, gleichwie die Hongkongnebelflucht,
Auch hier mich durch die Mauern aufgesucht.

 

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