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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 236
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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In Hongkong

Nicht der Hongkongnebel auf der Berge Ring machte, daß alles Irdische kam und ging, entstand und verschwand; das chinesische Riesenreich
Nahm dich und deine Glieder in Hongkong auf, gleichwie ein fremder Gedank', der immer wieder erschien und versank; denn halb in Europa, halb in China, sah diese Stadt, Haus bei Haus, dich an
Mit hohen Steinbauten blank, daraus gelb, wie runde Mondlaternen, die Chinesen schauten, die Söhne des Himmels, zahlreicher als das Sternengewimmel.
Und frei und frank gingen Leib und Schritte und Töne hier, eilig an der Schwelle zum mächtigen Reich der Mitte, das seit Jahrtausenden, wie heilig, weit abseits gelebt
Und seine eigene Gedankenhelle bewahrte und abseits beharrte, umgeben von der sausenden Zeit, aber angefüllt mit unverwüstlichem Leben. – Wie frische Bäume, von keinem Blitz und keiner Schwäche gespalten,
Halten dir, bist du kaum am Land, am Hafenrand, Rikschamänner im Schwarm, mit gelbem, stämmigem Muskelarm, lachend zugewandt, ihren Wagen vor die Füße;
Und ein lustiger Lärm um jeden Europäer entstand. Und von hundert grinsenden Gelbgesichtern ein robustes Gegrüße.
Hatte ich in Indien, in Ceylon vor mir am Rikschawagen auf Meilen das schlanke, elastische Eilen der Indier bewundert, so bestaunte ich hier in Hongkong
Das gelbe, urkräftige Muskelbein des Kulichinesen, der dich ohne Verweilen über den Pflasterstein durch die steilen Bergzeilen zieht, unermüdlich und wie von Kraft besessen, als holt ihn kein Pferd ein.
Das blaue Leintuch der Kulis und ihre sonnenblumengelben Gesichter laufen in derben, schreienden Haufen in den Gassen vorbei, als laufen tausend gelbe Lichter,
Und hunderttausend gelbe, zappelnde Maden wimmeln um die Häuserfladen. Nahedrüber in den nebelrollenden Himmeln reiten die Nebelwolken um die Berge,
Wie die Scharen von hellmähnigen Schimmeln. Die schnurgeraden Straßen fassen lange Reihen offener, geschäftiger Laden. Von allen Stockwerken hängen Wäschestücke und Kleider
In Gedrängen, trocknend im Freien. Und immer sind die kleiderbehangenen Gassenzeilen mit den breiten, gelbblassen Chinesengesichtern, die immer, gleich Laternen und Lichtern und Monden,
In dichten Massen dich anscheinen und vorübereilen und den Zopf im Genick bis an die Erde hängen lassen, gleich einem pechschwarzen, festgeflochtenen Strick, angehängt an den kahlrasierten Kopf.
Dies und der Duft von Sandelharzen in der menschenwimmelnden Luft, das alles ist dir ein bewegter Empfang, als sähst du den Tagesgang von guten, stämmigen Menschentieren
Und von schreienden Treibern. Auch hier begegnest du den großen Kuliweibern in losen, weiten, schwarzen Kalikohosen
Und den kleinen, winzigen Chinesinnen mit seidener Ruh' und emaillierten Mienen, mit kleinen Füßen, als wären nur zwei Zehe im Schuh, gleich den vorsichtigen, spitzen Hufen der Ziegen und Rehe.
Diese winzigen Puppenfrauen, die sich auf ihren Fußstöcken liebenswürdig unbeholfen und vorgebückt wiegen, als ob sie sich, vornehm, nicht weit zu gehen getrauen.
Auf ihren Rücken siehst du ein kleines, seidenes Paket sich anschmiegen, das sich manchmal bewegt, ihr kleinstes Kind, das die zierlichste Frau, nah' wie die Liebe zum Liebsten, mit sich trägt.

 

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