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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 234
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Hure der sieben Meere

Als der Dampfer von Singapore in die Meerwildnis weiterrannte, nannte von dieser Stund' ab ein jeder Mund eine spanische Dame an Bord
Und pries sehr die wundervolle Unbekannte, die sich eingeschifft hatte mit der Reisenden neuem Heer. Die Herren der ersten Klasse bildeten Spalier an den Deckbarrieren der zweiten,
Um die Dame mit kreuz und queren Blicken zu beehren. Und von allen Seiten tat man sich um ihren Anblick streiten.
Ein italienischer Baron, den ich schon vom Roten Meer her kannte, stellte mich bald der Spanierin vor, deren Name bald lauter als der Schiffsmaschinen Rumor von Ohr zu Ohr rannte.
Sie, die alle Blicke wie ein Meerwunder bannte, geschmeidig und zierlich kam sie daher, ungewiß angefaßt von ihrem dünnen Spitzengewirr,
Das sie in Hast mit den feinen Knieen im Gehen fast zerriß; und sie machte das Meer irr. Sie tat vergnügt viel unnütze Dinge,
Liebte vor allem meine Ceylonringe, zeigte die Kette der feinen Zähne, biß den Saum ab von ihrem kleinen Taschentuch und ließ nach sich ein Gemisch von Garten- und Tiergeruch.
War schmal und fast unscheinbar anzusehen, aber ihre Blicke konnten dir nachsehen, flammig und wild, wie die Augäpfel von einem feuervergoldeten Bronzebild.
Ein jeder hinter dem Schimmer von ihrem weißen Atlasschuh rannte. Immer, als ob sie lichterloh brannte, ließ sie die Leute hinter sich stehn, wie rotbeschienen,
Und alle Herren zeigten ihr offen erhitzte Mienen. Ihr Haar war gewichtig schwer und sehr schwarz, und neben ihrem Haar her wurde fast hellblau das schieferfinstere Meer.
Und die Augen dieser wunderbaren Frau sagten: »Ich will nicht ehrlich erscheinen, ich will offen mit allen Gesichtszügen sagen: Ich will nichts taugen,
Will begehrlich und zugleich beschwerlich denen werden, die meinen, man müßte lügen. Wenn ich auch keine Seligkeit erbe, dagegen läßt sich nichts machen.
Mein Gewerbe ist, der Männer Leidenschaften anzufachen. Ob ich nütze oder verderbe, das scheint mir gleichgültig, wie mein Lachen, mit dem ich einmal reuelos sterbe.«
Und wenn sie so gesprochen, riß sie ihren Kopf zurück in den schlanken, freien Nacken und ließ die Knöchelreihen ihrer Finger ungeduldig knacken.
Sie war schon auf allen Meeren gereist als die Geliebte von hundert Abenteurern und Millionären. Sie konnte erzählen, daß sie auf jedem Meer anders heißt,
Wie ein feuerfangender Geist, den sich alle Zonen wandelbar wählen. Sie machte kein Hehl aus dem Redefluß ihrer Gedanken und sprach ohne Schranken als der fünf Weltteile Venus
Vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen vom Liebesgenuß. Es war, als hätt' ich in ihr im Weltgewander den Dolmetscher aller Sprachen und aller Sinneslust getroffen.
Sie sprudelte alle Weltidiome durcheinander, die schlechten und die besten, und ihr Blut war wie ein Wein, zusammengegossen aus hundert Resten.
Eines Abends sprang sie frisch mit Dolch und dämonischen Gesten zum spanischen Tanz auf den Tisch, und dann, war der Tanz gar, wurde sie schillernd kalt
Und unnahbar, wie eine Fischschuppengestalt, und sprang fort ohne Gruß und Wort und war gleich darauf wieder da und hat ihr Leben gemalt,
Wurde gleichgültig alt für einen Augenblick, und als hätte das Meer ihr Geschick in Gewalt, hat sie oft trotzig über den Schiffsrand fort stumm und leidenschaftlich die Fäuste geballt.
Sie hatte so viel geliebt, als es Wellen auf den Weltmeeren gibt, und sie sagt', ihr Herz in der Brust sei wie durchsiebt. Sie fühlte nichts mehr und mußte doch lieben.
Nur die Gewohnheit der Lust ist ihr übrig geblieben, und der Handelsgeist, den sie mit der Liebe zeitlebens getrieben,
Wenn sie, dreist sich verhandelnd und verwandelnd, von Erdteil zu Erdteil gereist. Aber mehr als die Lust einer kecken Liebe liebte sie jetzt den Liebesschrecken.
Mit Opium, mit Haschisch versuchte sie aus dem Wust ihrer Gefühle ein Gefühl zu wecken, und für einen Backschisch, sagte sie, brächte sie sich noch einmal um, als Unterhaltung zum Nachtisch.
Sie tanzte und plauderte unüberlegt, ohne Besinnen, am Abend hinter den Kabinen am Backbord. Zur Zeit, wenn die Tropensterne, herausfordernd wie Freier, am Himmel erschienen,
Dann wurde ihre Haut wie Honig so gelb und ihre Augen groß wie dunkle Flecken, die sich im Frühjahreis zeigen aufgetaut. Und ihre Zunge ward lebhaft wie summende Bienen.
Und der Schaum unten am Schiff hat gegafft, und das Schiff ging still auf sein Ziel durch den leeren Raum, glatt durch die Nacht wie auf Schienen.
Aber diese Frau stellte die Augen im Lachen schief und sprach entfacht und lebte über aller Zeit und rief der Männer Geist heran von weit und breit
Und weckte eine Begehrlichkeit mit ihren zwanglosen Gesten; die war nicht zu bändigen, und das Weib mußte sich aushändigen dem Erstbesten zu Orgien, die glichen Totenfesten.
Denn mit den Resten ihrer Gefühle erlebt sie nur noch von der Liebe der Welt die fressenden Blitze der Tropenschwüle und sieht sich von den Begehrlichen wie von Gespenstern umstellt.
Sie fühlt sich bei Gewittern vom Himmel verfolgt. Sie flieht, sagt sie, in Singapore aus ihrem Haus in den Garten, aus dem Garten ins Haus, weil selbst ihre Haut die Blitze noch anzieht.
Sie wechselt die Kleider, weil ihr das Kleid im Gewitter graut, weil sie dem eigenen Kleid nicht mehr traut. Vor ihrem Gesicht fraß der Blitz einmal ihr Gewand,
In dem sie eben noch aufrecht stand, und das sie von sich geschleudert hatte im Garten mit ängstlicher Hand, weil ihr jeder Blitz nachlief wie eine feurige Ratte.
Und im Arm des Geliebten zur Nacht wird sie lahm vor dem Geisterschwarm, der im Dunkel durchs Türbrett bricht, vor dem Licht, das hereinwallt, und das zur Gestalt wird mit mächtigem Haar,
Die näher schwamm, die leuchtend zum Spiegel tritt und sich kämmt mit der Hure Kamm. –
Ungedämmt ihr Lebensschauder war und ihr Geplauder gierig und ungehemmt, und damit sie weinen kann, muß sie auch dichten,
Schreibt ihre Romane und Geschichten auf und läßt dabei ihren erlösenden Tränen und ihrem Lebenswahne freien Lauf.
Dieses Weib, mit ihren sieben und mehr Gesichten, das ich hier beschrieben, tanzte wie ein Wetterleuchten Tag und Nacht vor meinen Augen, um meinen Leib,
Solange wir durchs chinesische Meer hintrieben. Aber mein Heimweh und meine Sehnsucht nach meiner Geliebten blieben wie das Schiff in stetem, gleichem Gange,
Und keines von der Spanierin sieben Gesichtern mein Herz herrief, kein Atemzug von mir ihrer Feuerspur nachlief,
Und ich sah auf die schöne Frau, auf ihre Haut im gelben Honigschimmer, immer so fern, wie am Nachthimmel ein jeder horchende Stern.
Und es fielen sich unsere Blicke kaum an, wie die Tropfen vom Seeschaum, der schnell zerrann.
Ich hörte auf die Herde ihrer Worte, sah auf ihre gereizte Gebärde
Und fühlte mich nur in meinem Heimweh als ihres zerschlagenen Geistes Gefährte.

 

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