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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 232
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Sternennacht in der Malakkastraße

Dann zwei Tage weiter in der heißen Malakkastraße nach Süden, und die Nacht war vor Hitze schlaflos allen Müden.
Es kochte die Ölfarbe der Schiffswand und klebte an deiner Hand, und wie im Fieber pochte nachts jeder Stern, und das südliche Kreuz stand wie eine Lichtgarbe.
Und die Sternscharen waren wie die Lampen von Riesenstädten und belebten nachts die schäumenden Meerrampen.
Eintönig im Takt sauste in der Tiefe die Schiffsschraube, und über die Schiffsgeländer brauste der Schaum auf, als spräche die Nacht aufgeregt für Taube.
Die Passagiere hatten ihre Matrazen aufs Deck bringen lassen, denn zu heiß war es drinnen unter dem Kabinendach,
Und man lag auf dem Boden des Deckes wach mit den Augen zwischen Meer und Sternmassen. Ich sah Sterne erscheinen und wieder verwischen,
Und es war mir, als hört' ich die Sternschnuppen im Meerwasser verzischen. Das bergtiefe Meer lag unter meinem Kopfkissen,
Und ich horchte diese Nacht hin und her und wollte gern mehr wissen von den Wellen, die nie landen und, wenn sie kaum starben, wieder auferstanden.
Aber das Ganze rollte ohne Anfang und Ende, und wenn auch die Wellen scheinbar Bände voll Lieder sangen, du findest nie einen Text,
Wie auch in Fieberreden die Meerstimme anwächst, des Wassers unstete Hände konnten immer nur, wie tausend Mühlen, ums Schiff wühlen,
Und alle Wasser konnten immer nur eine Antwort anfangen, aber dann riß Ungeduld die Sätze fort, biß halbe Sätze ab,
Die durch die Nachtstille durcheinandersprangen wie ein endloses Gehetze. Denn dem Meerwasser fehlt es am starken Willen zum ruhigen Wort,
Und die gewaltige Meernacht konnte nicht einmal ein kleines Menschenohr mit ihren Gesprächen stillen.
Ich horchte mich müde, und das heiße Nachtmeer gor und kam mir trotz allem Sprechen ohne Sprache vor und konnte nur Schaum versprühen.
Und wie mit ewigem Herzbemühen stampfte unter mir im Schiffsbauch der Maschine Rumor, und es war, als erhitzte das große Sternfeuer das Nachtmeer,
So daß das Schiff in allen Poren schwitzte, als ob die Eisen ihm glühen, und als könnte jede Welle Schiff und Menschen verbrühen.
Und, Ruck um Ruck, trieb mich der Wellen Druck durch den Weltraum, als hätte ihre und meine Sehnsucht nicht Zeit zu Schlaf und Traum.
Mir war, als müßte das Schiff auf dem Meere von meiner Herzschwere zur Tiefe kippen, und tief in meinem Leib brannten die Adern und Rippen.
Nur Meersalz fiel auf meine Lippen, und ich schmeckte es in meinem Munde, und jede neue Sehnsuchtstunde war meinem Blut ein Wellenbrecher,
Und durstig standen meine Augen wie leere Becher, und über mir wanderten unter dem gleichen Sehnsuchtsdruck der Sternschnuppen Heere
Und zerbrachen, gleich erstürmten brennenden Schanzen; und gleich einem Wahnsinnsspuk sah ich den Phosphorschein eines neuen Sehnsuchtstages
Von Osten her über Meer und Schiffsbrücke tanzen.

 

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