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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 216
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der goldne schlafende Buddha

In Colombo, im doppelten Sonnenschein, gehen die Menschen nackt in den Tag hinein, sehen mit großen Augäpfeln rund, und die bloßen Augen sind wie der geöffnete Mund,
Sprechen lebendig, gleich sprudelnden Bächen. Die Augen aus den braunen Gesichtern so wie die Wasser aus brauner Erde brechen.
Im sonnigen Morgenwetter zwischen vielen Augen und vorbei an den Schwielen der nackten braunen Rücken, welche braun sind gleich den Dachziegeln und sich wie gebohnte Parkettbretter spiegeln
Und voll heller Lichter zucken, fuhr ich die Straße hin, an den Menschen, den Palmenständen, Gartenwänden und Gartenstücken entlang; vor allen offenen Türen saß die Arbeit breit im Gang,
Auch in den kleinsten Gemächern unter den fleischfarbenen Ziegeldächern hatten die braunen Nackten keine Zeit; sie verkauften, bauten, kramten, packten,
Alle wie die Tropensonne wach, und schauten kaum meinem Wagen nach. Bananenpalmen, beladen mit Früchten, welche aufgereiht waren wie an grünem Faden,
Wuchsen über das Dach, darunter Garküche und Fruchtladen, eingewickelt in Feuer und Pflanzengerüche.
Im Freien zwischen Hüttenreihen, zwischen höckerigen Zebus und Wagenrädern, die sich drehen, Hunderte nackter Menschen rannten, und Hand in Hand gehen miteinander die Bekannten.
Der lebhaften Straße gewundenes Band nie stille stand. Sie war mit braunen Menschennacktheiten gefüllt von allen Seiten bis an den Rand
Und zeigte offen alle Lebenslaunen. Alle die nackten Braunen gingen frisch und elastisch vorbei, als trügen sie das Leben auf ihren Schultern, leicht wie Daunen.
Wie die polierten Hebelarme von Stahlmaschinen glänzen und leuchten die nackten Glieder, die dem Alltag dienen.
Aber in ihren Mienen die schwarzweißen Augen spiegeln, gleich weißen Briefen mit schwarzen Siegeln. –
Hinter hohen Geländen von Kokospflanzungen stand ein Tempel, von den Gesten der Palmenblätter wie von Riesenhänden umschlungen.
Auf alten begrasten Stufen geh' ich zum Torweg. Mönche in gelben Mantelfalten stehen im Hof, sie kommen auf den Zehen, um mich zu führen,
Und alle Kinderfüße im nahen Dorf beginnen sich zu rühren und laufen, um mir ein paar armselige, betäubende Blumen zur Opferung zu verkaufen.
Im Hof, in einem langen Tempelhaus, empfangen mich in einem dämmerigen Holzsaal in Unzahl goldene, schlafende, kleine Buddhagötter.
Sie lagen unterm Staub im Glasschreine, auf goldnen Lotosblumen, ausgestreckt Haupt, Leib und Beine.
Scharen von Kerzen brennen fahl; die tausend Flämmlein waren wie feine goldne Bienen, die alle schlafenden Götter mit der Süße der Wärme, der Süße der Ruhe und der Süße der Träume dreifach bedienen.
Ein Mönch nimmt von der Menge Kerzen aus dem Kerzengedränge eine und leuchtet durch eine kleine Tür in ein langes, halbdunkles Gemach.
An der langen Wand war ein langes, dunkles Fach, das war bis zum Dach verschlossen mit Glas und maß wohl dreißig Meter die Länge.
Ich drang mit dem Mönch in des Gemaches Enge, und die kleine Kerze in des Mönches Hand ging entlang an der Glaswand.
Da entstand viel Gold mit gelbem Scheine, formlos erst, eine ungeheure Masse, ein Goldland, dreißig Meter groß,
Als steckte die kleine Kerze den langen Glaskasten in gelben Brand, und das Gold geriet in Bewegung, als wollt' es nie mehr rasten,
Und als schoß es auf dreitausend Meilen fort in unersättlicher Erregung.
Auf seiner mühlsteingroßen flachen Riesenhand lag nah, als ich durch die Blendung sah,
Hinter der Glaswand der schlafende Buddha; lag auf der goldenen Wange, und seine Gestalt, die goldene, die dreißig Meter lange, von der kleinen Kerze entdeckt.
War wie ein goldener Baum, der mit seiner Länge umgestürzt ist und am Boden liegt, ausgestreckt, und aus allen seinen Poren strahlte Gold in den Raum.
Der Gott lag auf der einen Riesenmuschel seiner goldnen Ohren, als hatte er sich schlafend und horchend in den goldenen Traum des Nirwana verloren.
In der langen dämmerigen Kammer, die nach Wachs und Wärme roch, schlief der Gott, fern allem Weltjammer, fern allem Weltkram.
Hinter den dreißig Meter Glasscheiben wollte er immer einsam schlafend bleiben. Anlockend war der goldne Schimmer von seinem Leib,
Und es schien in seinem Goldschlaf alle Sehnsucht stockend, selbst die Sehnsucht eines Mannes nach dem Weib.
Fast beneidet hab' ich den Gott hinter dem Glasschrein, der sein Herz und seine Erdschmerzen ins Nirwana, ins Nichtsein, einkleidet,
Umgeben von der Wärme kleiner Kerzen und durchdrungen von goldener Ruhe bis in die goldenen Gedärme.
Aber dann, als ich mit meinem Schuhe wieder hinaus in den Hof zu der Sonne und zu den Palmen trat,
Blieben hinter mir Kerzen und Gold, als viel zu matt für mein Blut, das den Himmelbrand gern hat.
Und ich bat mein Herz, nicht zu ruhn und immer nachzugehn seinem Sehnsuchtshange, denn es wäre mir bange, sollt' ich wie Buddha ewig einsam im goldnen Nirwana sein,
Eingeschlafen allein auf meiner eigenen Hand, und vor mir die Glaswand. Nie käme ich allein in goldene Ruhe hinein.
Nur an der Liebsten Wange, nur beim liebsten Weib kann jede Pore an meinem Leib klares Gold sein.

 

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