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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 214
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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In den Zimmetgärten von Colombo

Das Palmendickicht roch nach heißen Pulverlunten. Im Morgen, Abend und in Mondscheinstunden
Bin ich hier tief ins Land auf einem kleinen Rikschawagen, auf Wegen vielgewunden, mitten durch Scharen schwüler Zimmetgärten hingefahren.
Ein nackter brauner Ceylonmann spannte sich schnell als Pony an die Deichsel an und rannte wie ein lebender Motor, der Müdigkeit nie kannte.
Er kam mir vor wie Zeit, die immer sprungbereit, wie Meilen, welche immer vorwärts jagen. Ich wußte in dem Wagen nie, zieht mich Maschinerie fort über Sand und Steine,
Oder sind es nur Menschenbeine, die rasch hin durch die Stunden tragen. Ohne ein Wort, ohne zu klagen, rennt mit dir fort der kleine Ceylonmann
Und zieht in alle Ewigkeit den Wagen, als kennt er nur im Weiterjagen des Lebens Sinn.
Die Zimmetgärten von Colombo ein einz'ger großer Garten sind, wo Tennisspiele, Golf, Fußball und Pferderennen starten.
Landhäuser liegen hinter Palmenstämmen, die sich in einer einzigen Jahreszeit, in einem ewigen Sommer wiegen und sich mit Früchten überschwemmen.
Johannisbrot, das du als Kind gekaut, schaut unter fingerigen Blättern, zu grünen Schotenhaufen angestaut.
Als ob die Früchtemengen dich bedrohten, so hängen, gleichwie braungerostete Geschosse, kopfgroße Kokosnüsse über deinem Haupt,
Wie holzig dicke Riesentrauben hoch in den Palmenlauben. Die ockergelbe Mangofrucht, dick wie ein Straußenei, bringt starken Terpentingeruch herbei.
Die Kampferhölzer brennen dich und beizen; Düfte wie Wolken, nicht zu nennen, nicht zu zählen. Die stachelige Ananas gleich Igeln in dem blauen Buschwerk saß,
Und feuerige Zimmetbäume heizen die Lüfte wie aus Salbentiegeln.
Erddünste schwälen, und von vielen Stämmen schälen sich würzige Rinden, die die Wege reizen.
Aller erdrückter Gärten Räume sind hier gefüllt von einer Schar verzückter Wesen, unsichtbar; in Blätterlappen und in Bast gehüllt und in die grünen, saftigen Lichter,
Schweben vor dir Gerüche und haben die Gesichter von riesengroßen Früchten, schauen herab von Ast und Rinden und gehen um und fühlen gleich den Blinden
Und wollen dir erzählen und dich finden, unklar und stumm dir Bilder geben von ihrem leidenschaftlich hitzigen Leben.
Der Duft vom Tropensaft geht dir mit unbezwungener Kraft ins Fleisch,
Schafft ein elektrisch Bad, und jeglicher Geruch darin gibt deinem Leben, wenn's dir fad erscheint, ein neues Kleid aus neuem Tuch;
Und wucherte erst bei dir Leid und Fluch, wird daraus Lust und Lebenssinn.

 

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