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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 213
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die rote Strandstraße vor dem Galle Face-Hotel

Es war eine doppelte Atemkraft hier im Hotel am Strand. Unter den Fenstern ging das rosige Meer frühlingshaft und überstürzt einher,
Und rund in den Zimmetgärten im flachen Land brachen die Bäume auf, stachen mit schwefelgelbem Blütenhauf in die fabelblauen Himmelsräume.
Jeder Tropenmorgen war zuerst wasserfrisch, wie gewaschen, aber dann stellte sich die Sonne wie ein brennender Brocken auf den Tisch
Und erhellte senkrecht das Land, daß es bebend wie eine Feuerfackel und voll süßem Brandgeruch lebend bis zum Abend stand.
Am Hotel hielten die Wagen der Rikschamänner in Reihen, und eine rote Sandstraße flog hin im Freien, wie eine rote Zeile,
Zwischen flachem Meeresstrand und einer Meile grünem Fußballrasen, dicht an der weißen Brandung Rand.
Kein Haus und kein Baum sich am Wege fand, nur die Meerwasserschäume bauten plötzlich ihre Häuser,
Voll brausendem Donner und prickelnder Kühle, und darüber dreht sich die Ceylonssonne, wie das Rad einer gewaltigen goldenen Mühle.
Der Strandstraße, die flach mit ihrer roten Weglänge am grünen Rasenfeld lief,
Sahen tief alle Hotelscheiben und alle Wandelgänge nach. Und auf die große rote Linie schreiben sich die kleinen schwarzen Rikschawagen,
Die in Heeren hin und her schossen. Sie tragen wehende Tropenschleier, und die Reisenden, gleich weißen Paketen,
Jagen in langen Tagen jene Straße hinaus, hin und her zum Hotel, und dieses einzige riesige europäische Haus am Meer
Sieht, wie ein Ameisenbau, weitläufig und kasernenhaft aus.
Von den großen Schreibsaalfenstern sah ich gern den roten, baumlosen Straßenweg an, der kein Ende finden kann,
Den mit weißen, haushohen Schaumgespenstern, nah und fern bewegt, die Brandung umfegt.
Und diesen seltsamen, roten, schnurgeraden Weg, belebt von den weißen Menschenmaden, die hinjagen an der Brandung hellem Wahn,
Ich nie mehr vergessen kann und nicht das enzianblaue Meer, die weiße Schaumwand, die rote Zeile Sand
Und den sonnengebräunten grünen, unendlichen Rasen, der voll Gruppen weißer Fußballspieler stand.
In der Ferne, hinter einer Meile, verlief sich der Weg, als ging' er tief ringsum gleich einem roten Seile um die Erde herum.
Er war niemals krumm, sah sich niemals um, stand immer stumm, wie in Parade, an der Brandung entlang und ihrem ewig wogenden Bade.
Im violetten Abend konnt' ich wie schwarze schmiedeeiserne Nägel die Menschen am Wege entlang vor dem Sonnenuntergang feststehen sehen,
Vor der rosigen Brandung Gefege. Und hinter ihnen jagen die Rikschawagen auf der purpurnen Zeile.
Und ich habe auf die Brandung und auf der Menschen Eile gestarrt, und für eine Weile schien für mich nichts mehr auf der Welt als diese belebte Meile,
Die nirgends anhält und in den Welthintergrund rund um die Erde wie dein roter Lebensweg hinabfällt.
Wie ein Wegweiser schien mir zur Abendstunde diese Sandstraße, als wollte sie mich weiterziehen auf der Erdgasse.
Und ich wollte nicht zurückfliehen, nicht umkehren feig; immer geradaus ging dieser roten Straße Fingerzeig.
Ich wußte, alle Erdendinge sind Hieroglyphen, und für den Verliebten schliefen auch auf der leeren Erdsohle traumredende Symbole,
Die wie Menschen aus ihrem Schlaf zu dir sprechen. Und willst du sie nicht ungläubig unterbrechen,
Kannst du aus der Sandfarb' und der Linie deiner Erdstraßen die Fäden deines Schicksals erfassen.

 

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