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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 208
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Morgen in Madras

Madras, in europäischer Gewandung, fand ich gebreitet an der hellen Meeresbrandung.
Die langen Wellen rollten morgens an das sonnige Land, indigoblau zum purpurroten Sand.
Die Morgenwellen wetzen sich mit Zischen im gleichen Takt, und braune Indier gingen nackt
Mit Netzen und mit Körben nach den Fischen. Ein freier Atem hat mich wohlig angepackt,
Als war ich einer Albmare entronnen. Genesen von dem Klosterlande der Birmanen, das feindlich mir gewesen,
Ließ ich mich von der Feuerbreite der warmen, indischen Pupillen sonnen.
Die dichtesten Bananenhaine umfingen alle Wege um die Stadt,
Und in glasgrünen Palmenblättern goldgelbe Früchtebündel hingen,
Darunter Indierinnen, mit den Brüsten nackt, sorglos bei süßen Früchten gingen.
Befreit vom goldnen Drucke birmanischer Pagoden, war ich bereit, göttliche Nacktheit,
Die hier am heißen Palmenboden um Madras lebt, gleichwie den siebten Himmel hoch zu preisen, –
Als mir ein Schreck den Freudenruf im Mund verklebt.
Ein Mann mit einem Bein, dick wie das Bein von einem Elefant, kam dicht an mir vorbeigerannt,
Und ebenso ein Mädchen, aufgeschwollen, mit Armen breit gedehnt, als ob die Arme Schenkel werden sollen,
Und unter mancher Haustür lehnt ein zweiter, dritter, vierter, zehnter Mensch, an jedem Glied verquollen.
Ich sah bald nicht den Palmenmorgen mehr, nicht mehr die teppichblaue See,
Nicht unter den Bananenbündeln die Bambushütten, klein, verborgen.
Ich sah mit Sorgen nur fast jeden zehnten Menschen, schwer verquält,
Gleichwie in einem Zerrspiegel entstellt.
Dein Atem stockt vor dieser Nacktheit hier, die wie vertiert am Wege hockt,
Die dir dein Herz zerriß, dir grausam erst dein Auge lockt und grausamer verstieß.
Kein Blick mehr Ruhe ließ. Ich ging entsetzt, kaum wagend, unter Grauen,
Die Menschen, die wie Stämme ihre Beine auf Treppen und aufs Pflaster schleppen, anzuschauen.
Als wären dieser Menschen Glieder wilde Wurzelknollen, die ungeschlachten sich anstauen wollen,
Als will das Menschenfleisch dem eignen Herz den Weg verbauen.
Ich mußt' den Blick, stumm fragend, stets erneuern
Und sah mich zagend in dieser morgensonnigen Stadt umgeben wie von Ungeheuern.
Man sagt, ein winziger Fisch vom Meer, ganz klein und rot, den sie in Massen essen als ihr Tagesbrot,
Bewirkt in diesen Menschenleibern die Krankheitsnot. Elefantiasis ließ alle Glieder hier zu Klumpen wuchern. –
Ich war mir nicht gewiß, ob ich nicht auch im Leibe mit mir trug, unförmig von der Sehnsucht zum geliebten Weibe, Elefantiasis.
Denn ach, mein Herz war viele Zentner schwer, und drinnen wälzte sich ein Feuer
Und wurde stündlich mehr und mehr zum Ungeheuer.

 

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